Kaum war Samstagabend der Vorhang nach der Uraufführung des Schauspiels „Die Verlorenen“ gefallen, sorgte das Premierenpublikum für einen minutenlangen Jubelsturm.
Er galt der tiefenscharfen Inszenierung von Nora Schlocker mit einem spielfreudigen Ensemble ebenso wie der kraftvoll epischen Textvorlage von Dramaturg Ewald Palmetshofer.
Was für ein Text, so hoffnungsvoll trostlos – oder umgekehrt. Ein Text, mit dem er eine Tradition von Sophokles über Heiner Müller bis zu Samuel Beckett und Thomas Bernhard fortschreibt. Seine „Verlorenen“ kann man als unerbittliche Zustandsbeschreibung einer formaldemokratisch organisierten kapitalistischen Gesellschaft lesen, deren innerer Zusammenhalt sich in einem unaufhaltbaren Auflösungsprozess befindet.
Vordergründig geht es um das Sorgerecht eines geschiedenen Ehepaares um seinen einzigen Sohn Florentin (rotzig rigoros Francesco Wenz). Genauer darum, dessen Zuneigung zu erringen. Mit einer katastrophalen Folge. Seine Mutter Clara stürzt aus dem Fenster und spießt sich auf einem Zaunpfahl. Von ihm durchbohrt, hängt sie dort an der weißen Wand, von wo sie zu Beginn ein Kreuz entfernt hat.

Existenzieller Dialog – Myriam Schröder und Johannes Nussbaum.
Die Assoziation zum gekreuzigten Jesus als Erlöser drängt sich auf. Hätte Palmertshofer seine als Clara mit nachtwandlerischer Sicherheit zwischen Künstlichkeit und Kreatürlichkeit changierenden Myriam Schröder – pars pro toto -nicht mit dem Zusatz „die Verlorene“ versehen. Mit Hoffnung und Erlösung hat dieses Stück rein gar nichts am Hut. Weder klappt es mit der Zuneigung noch mit ein bisschen Liebe, die sich Clara von ihrem unsteten Untermieter Kevin (Johannes Nussbaum) erhofft. Die sich perspektivisch verjüngende grellweiße Guckkastenbühne von Irina Schicketanz ist der Seziertisch für Schlockers Labor der Trostlosigkeit. Auf ihm erlischt sogar wortwitzige Situationskomik, wie sie einst nicht weit vom „Resi“ entfernt Karl Valentin und Liesl Karlstadt perfektioniert haben, noch bevor sich die Lippen geschlossen haben.
„Was kümmert es das Spiel / wer es verliert“, sprechen die Schauspielerinnen und Schauspieler zu Beginn im Chor. Sie wissen, was auf sie zukommt. Was auf die Figuren zukommt, denen sie gleich Gestalt und Profil verleihen werden. Das Leben im Hamsterrad einer Welt, die aus ihren gesellschaftlichen Fugen geraten ist. Dieses Leben interessiert nicht, wer es verliert. Im Spiel selbst verliert man in seinem Zuschauersessel den Sinn für Raum und Zeit. Verliert sich in der Magie der Perspektive aus Weiß und Schwarz. Grautöne gibt es nicht. Wo kein Ausweg, da kein Kompromiss. Diese Perspektive kann rasch in Langeweile münden. Bei Schlocker und Palmertshofer elektrisiert sie.
Der Import aus Basel von Intendant, Dramaturg, Stück und vorzüglichen Mimen tut der selbstzufriedenen bayerischen Kulturmetropole sicher gut.
Info: Weitere Aufführungen am 26.10; 1./2./6./10./13. November; Karten tel. +49 89 2185 1940, online über den Spielplan (beim gewünschten Stück den Button „Karten“ anklicken)
Wolfgang Nußbaumer
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