Die Poesie der Farben

15. Aug. 2026

Wer es gerne hell hat, ist bei Waltraud Schwarz in besten künstlerischen Händen. Das Licht bestimmt in weiten Teilen die abstrakten Bildwelten der Aalener Künstlerin. Der Kunstverein Aalen zeigt zu ihrem 80. Geburtstag eine umfassende Retrospektive; darunter Arbeiten, die bisher noch nicht öffentlich zu sehen gewesen sind. Bei der Vernissage am Freitag werden selbst Stehplätze zur Mangelware.

   Das „Zwischenspiel II“ zwischen den großen Ausstellungen des Kunstvereins macht mit dem Schaffen einer Künstlerin bekannt, „die ihr Leben der Kunst verschrieben hat“, wie die Vorsitzende Ines Mangold-Walter feststellt. Sie nimmt diese Kunstschau gleich zum Anlass, für die regionalen Initiativen und deren Kreativität „dringend mehr Förderung“ zu verlangen. Nicht, wie vom neuen Kultur-Staatsminister Weimer betrieben, die Fördermittel für Großprojekte wie die Wagner-Festspiele in Bayreuth zu verwenden. Nicht nur für sie ein „Angriff auf die Innovationskraft der Kunst“. Dafür erhält die Vorsitzende spontanen Beifall. Die Stadt Aalen lässt den Kunstverein mit seiner den Gemeinsinn fördernden Arbeit allerdings nicht im Regen stehen, wie die Leiterin des Kulturamtes, Karin Haisch, im Gespräch betont.

    Neben einem großen Triptychon entlockt der Theremin-Virtuose Axel Nagel seinem magnetischen Instrument die Melodie des „Aquariums“ aus dem „Karneval der Tiere“ von Camille Saint- Saëns. Dieses Gemälde kann man durchaus als diffuses Aquarium betrachten, in dem sich allerlei amorphe Kreationen tummeln. Ines Mangold-Walter interpretiert in ihrer Einführung das Bild indes als Landschaft; jedoch keine, die man verorten kann. Sie sieht in dieser „Poesie der Farben“ eher einen Zustand des Sehens und Beschreibens innerer Zustände. Dafür spricht die Komposition vieler Arbeiten. Das leuchtende Gelb kontrastiert Waltraud Schwarz mit blauen, roten und grünen Flächen. Behauptet sich in diesen Werken das Licht gegen die Dunkelheit? Die Hoffnung gegen die Dystopie?

Diesen Akt hat Waltraud Schwarz in einer Hängematte platziert. (Fotos: -uss)

   Wie das Licht ist auch der Kontrast zwischen Hell und Dunkel für das Schaffen der Künstlerin signifikant. Diese Beobachtung beginnt bei den Radierungen und Gouachen, die noch unter dem Einfluss des großen hiesigen Malers Ernst Wanner entstanden sind, der viele Jahre an der VHS Aalen unterrichtet hat. Sie setzt sich über ihre Aktzeichnungen und -skizzen fort bis zu den aktuellen Werken, mit denen der Kunstverein in seiner Galerie drei Stockwerke bestückt hat. Dabei handelt es sich bei dieser Fülle nur um eine Auswahl. Bei Waltraud Schwarz paart sich die Kreativität offensichtlich mit immensem Fleiß und malerischer Leidenschaft. 

     Die Künstlerin steht in der Tradition des französischen Impressionisten Claude Monet und des englischen Licht-Malers William Turner, wie Ines Mangold-Walter erläutert. Farbe wird zum Licht und Licht zur Farbe. Die Landschaft wird zum Empfindungsstück; es geht nicht mehr um gegenständliche Inhalte. Insofern sind ihre bemalten Würfel paradoxe Innovationen. Die Form fällt geometrisch auf; die Bilder, die sie trägt, sind jedoch abstrakt. Letztlich sind diese Würfel ein weiterer Beweis für ihre künstlerische Neugier, bildnerische Ideen umzusetzen. 

    Wer also den weiten Weg vom Gegenstand in die Abstraktion verfolgen möchte, den Waltraud Schwarz seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zurückgelegt hat, sollte sich für den Besuch ihrer Ausstellung im Kunstverein viel Zeit nehmen. Denn es gibt viel zu sehen. Eben auch Arbeiten, die bisher nicht öffentlich gezeigt worden sind, wie die Druckgrafiken und die Akte. Mit einem sich lohnenden, ausführlichen Blick auf diese Werkschau honoriert man auch einen „Herzenswunsch“ der Künstlerin: „Einmal hier im Kunstverein ausstellen“.

     Info: Die Ausstellung „Ein Leben mit der Kunst“ ist bis 13. 09. Mittwoch von 14 bis 17 Uhr, Donnerstag 16 bis 19 Uhr sowie Freitag, Samstag, Sonn- und Feiertage 10.30 bis 17 Uhr geöffnet.

Wolfgang Nußbaumer    

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