Was, wenn der Kirschkern im Magen wächst

28. Mai 2023

   Bei den Baden-Württembergischen Theatertagen in Aalen war die Dramatikerin Theresia Walser Stargast der ersten Ausgabe im Kino am Kocher.

   Im Gepäck hat die Tochter von Martin Walser, dessen Sprachmacht sie geerbt hat, eine Rohfassung ihres neuen Stücks „Ash“, so der Arbeitstitel. Es geht in dem Monolog um einen Mann, Luc Teichmann, der mitten in der Nacht mit zwei Eimern Wasser unterwegs ist, um einen Baum zu gießen. Dabei trifft er einen gewissen Albert, der „eine blöde Bundfaltenhose“ trägt. Zwischen Schweigen und Lachen entwickelt sich ein mit Erinnerungen gespickter existenzieller Diskurs. Er mündet in Lucs innige Begegnung mit einem Baum. Als Kind hat ihn die Vorstellung geängstigt, aus einem verschluckten Kirschkern könnte ein Baum in ihm wachsen. Und malt sich aus, wie es wäre, als Baum auf dem Schulhof zu stehen.

   Der erste Teil, den der Aalener Schauspieler Philipp Dürschmied mit viel Gespür für dessen Feinheiten liest, ist jedenfalls „sehr fantasiereich“, wie Müller lobt. Eingerichtet für die Lesung hat ihn Tina Brüggemann.

   Theresia Walser hat diesen Text als Auftragsarbeit für das Kunstfest Weimar in diesem Jahr geschrieben. Er ist allerdings noch nicht fertig, wie sie im Gespräch mit dem Verlagsleiter der Zeitschrift „Theater der Zeit“, Harald Müller, erläutert. Dabei verrät sie auch, warum der Luc Teichmann mit zwei Eimern durch die Nacht läuft. Der Schauspieler fühle sich in einem Monolog einfach sicherer, wenn er ein paar Utensilien zur Hand habe.

   Walser nimmt mit ihrer Arbeit nicht am „aktivistischen Moment“ teil, wie es nach Müllers Wahrnehmung zurzeit in der deutschen Dramatik häufig der Fall ist. Die Autorin stellt dazu klar. Hätte sie eine eindeutige Ansage, würde sie einen Essay schreiben und kein Stück. Zuvor hatte der Mann aus Berlin bedauert, dass dort der Stückemarkt, der immer parallel zum Theatertreffen stattgefunden habe, gecancelt worden sei. Umso mehr freut er sich, dass dieses Projekt nun in Aalen stattfindet. Fragen hat das Publikum anschließend keine. Frau Walsers brauner Pudel, der zu ihren Füßen immer unruhiger geworden ist, wird es ihm gedankt haben. Dabei hätte sie sicher noch einiges zu erzählen gehabt, wonach der eloquente Herr Müller nicht gefragt hat.

Wolfgang Nußbaumer

(27.05.2023)

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