Ohne Erinnerung keine Zukunft

27. Jan. 2021

   Zum 76. Mal hat sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee gejährt. Seit dem Jahr 2005 wird dieser Tag als Internationaler Tag zum Gedenken an die Opfer des Holocaust begangen. Über sechs Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sowie psychisch kranke und geistig behinderte Menschen sind von den Nazis und ihren Helfershelfern ermordet worden. Auschwitz gilt als Chiffre für die Judenvernichtung schlechthin.

    In der Dokumentation zu einer Fachtagung der Initiative kulturelle Integration unter dem Thema „Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen“ stellen die Herausgeber die entscheidende Frage: „Wie kann Erinnerung gelingen, wenn die Taten immer weiter zeitlich wegrücken, wenn das Geschehen von Zeitgeschichte zu Geschichte wird?“ Oder wie es die 2018 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnete Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Aleida Assmann problematisiert: „Die Ereignisse des Holocaust sind im Begriff, von der erlebten Erinnerung in die Geschichte überzuwechseln.“ Wenn die letzten Zeitzeugen wie der italienische Schriftsteller Primo Levi tot sind, bleibt nur noch die Erinnerung anhand von schriftlichen und bildlichen Zeugnissen. 

   „Ganz düster“

   2015 sind noch 300 Überlebende zum Gedenktag nach Auschwitz gekommen, 2020 waren es bereits 100 weniger. Ohnehin schien man sich in Deutschland mit der Erinnerung an den zwölf Jahre währenden nationalsozialistischen Terror, den der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland als einen „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnet hat, schwer zu tun. Der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte erhebliche Widerstände zu überwinden, bis er 1963 die Auschwitzprozesse in Frankfurt/Main ins Rollen bringen konnte. Und erst Ende der Siebzigerjahre erreichte eine amerikanische (!) Fernsehserie „Die Geschichte der Familie Weiss“ auch in der Bundesrepublik Deutschland ein breiteres Publikum. Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Mark Dainow, hat bei der Fachtagung auf ein erschreckendes Defizit der schulischen Aufarbeitung der Shoa beklagt. Als „ganz düster“ bewertet er die Tatsache, dass erst 2017, also 72 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs, in Deutschland die erste Professur für Holocaust-Forschung eingerichtet worden ist. Umso wichtiger sei eine gute Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer und eine stärkere Förderung der Gedenkstätten.

    Er kann sich durch das Ergebnis von Studien bestätigt sehen, auf die der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Prof. Doron Kiesel hinweist. Deren Befunde ließen die Aussage zu, „dass das Wissen über die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die zur systematischen Ermordung von Jüdinnen und Juden und anderen Gruppen geführt haben, äußerst gering ist, sodass die dringend notwendige Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen oder familiären Verstrickungen nur noch selten stattfindet, wodurch sich geschichtsrevisionistische Tendenzen verbreiten, wodurch der Relativierung des NS-Terrors sowie der Verharmlosung seiner Ideologie Vorschub geleistet wird.“ Eine Tendenz, die sich in der AfD manifestiert. Der Zentralrat der Juden in Deutschland setzt sich nach den Worten seines Vorsitzenden Josef Schuster deshalb seit längerem dafür ein, „die jüdische Religion, Kultur und Geschichte breiter als bislang in den Schulen zu vermitteln“.

     Von Weizsäckers mahnende Worte

     Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat in seiner Rede vom 8. Mai 1985 die mahnenden Worte gefunden: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“ In diesem Punkte ziehen deutsche Muslime und Juden an einem Strang. Der Zentralrat der Muslime veranstaltet zum Beispiel Wochenende- und Ferienseminare für junge Muslima und Muslime, die sich mit Antisemitismus und der Shoah befassen.  

    „Orientierungslinien deutsch-jüdischer Bildung für das 21. Jahrhundert“ fächert schließlich der Philosoph und Erziehungswissenschaftler Prof. Micha Brumlik auf. Zum einen geht es ihm um die „Textualität“ im Hinblick auf die „Tora“ als „Inbegriff allen Lernens“, „als Rückgrat geistiger jüdischer Existenz“, zum andern um das Frauenbild im Judentum und einen jüdischen Feminismus („Feminität“), und schließlich um die „Diasporizität“, wonach „die Tora – nach Auffassung des von Brumlik erwähnten kanadischen Religionsphilosophen David Novak – „jede dauerhafte Übertragung von landwirtschaftlich nutzbarem Boden an die Stämme Israels definitiv bestreitet“.  Brumliks Fazit: „Ohne diese stets für Neuerung bereite Öffnung jüdischen Denkens hätte das Judentum die vergangenen zweitausend Jahre nicht überstanden.“

 

   Doron Kiesel, Natan Sznaider, Olaf Zimmermann (Hrsg.): Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen, Berlin 2021, ISBN: 978-3-947308-30-9 

 

Wolfgang Nußbaumer

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