Nur im Suff ein Menschenfreund

13. Juli 2023

   Werden die beiden dann noch von zwei Vollblutschauspielern in einer klugen Inszenierung verkörpert, bleiben keine Wünsche offen.

   Als sich der Vorhang im „Berliner Ensemble“ öffnet, wankt in der Bühnenmitte, eine Flasche Schnaps schwenkend, der finnische Großgrundbesitzer Puntila in Gestalt von Sascha Nathan. Er drückt dieser Inszenierung seinen Stempel auf. Eine Seele von Mensch, wenn er besoffen ist. Da würde er wie der heilige Martinus seinen Mantel teilen. Oder seine Arbeiterinnen und Arbeiter am Gewinn beteiligen. Doch wehe, wenn die Promille im Blut gegen Null gehen. In diesen „Anfällen von Nüchternheit“ sei er dann „direkt zurechnungsfähig“, erklärt er seinem Chauffeur Matti.

   Peter Moltzen macht als Mädchen für alles ebenfalls beste Figur als schleimig-berechnender Diener. In seinem braunen Ledermantel und der hellen Hose wirkt er nach außen völlig korrekt. Eine Wetterfahne, aber aus Eisen. Der Gegenentwurf zu dem gnadenlosen Trunkenbold. Zielgenau redet Puntila im Suff am Gegenüber vorbei. Recht hat nur er. Womit wiederum Matti keine Probleme hat. Die Dialoge zwischen Herr und Knecht sind schauspielerische Kabinettstückchen.

   In Puntilas patriarchalischem System kann es nur einen geben, der sagt, wo es langgeht. Tochter Eva soll standesgemäß einen Attaché ehelichen. Nur hat die so kühl wie aufmüpfig in dieser Rolle agierende Nora Quest keine Lust dazu. Was man verstehen kann. Denn dieser ganz in blau gekleidete Herr mit den marionettenhaften Bewegungen und der piepsigen Stimme ist alles andere als attraktiv. Pauline Knof karikiert ihn herrlich. Als ausgebeutetes Kuhmädchen kann sie jedoch auch ganz andere darstellerische Saiten aufziehen.

   So langsam aber sicher scheinen dem Puntila die Felle davon zu schwimmen. Nur weiß er es noch nicht. Als ausgemachter Macho verspricht er gleich vier Frauen die Verlobung. Ob die Schmuggleremma (Dela Dabulamanzi), das schon erwähnte Kuhmädchen, das Apothekerfräulein (Nina Bruns) und die Telefonistin (Nora Moltzen) ihm das wirklich glauben? Sie würden es wohl gerne, um sich aus ihren Abhängigkeiten befreien zu können.

   Ein anderer Schauplatz, doch das gleiche Spiel. Puntila sieht sich auf dem Gesindemarkt nach neuen Arbeitskräften um. Dazu begibt er sich ins Publikum, sucht sich einen Zuschauer aus und bewertet dessen Äußeres derart selbstverständlich, dass man mutmaßt, Sascha Nathan improvisiere. Kurz darauf wird er doch noch fündig. Im Blaumann wartet dort ein Ensemblemitglied.

   Auf der von Thilo Ullrich sparsam aber effektiv eingerichteten Bühne deklamiert der Chor der Arbeiter vor einer zackigen Silhouette. Sie könnte ein Wald sein, den Puntila so sehr schätzt, oder der Hatelma-Berg, den Matti aus Möbeln errichten muss.

 

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Herr Puntila beseitigt den Schnaps, den er nie wieder anrühren will, auf seine Weise. Er leert Flache für Flasche.

 

   Christine Tscharyiskis Inszenierung lebt von diesen überraschenden Momenten, in denen sich Realität und Fiktion verschränken. Sie hebt diesen über 80 Jahre alten Text in die Gegenwart, in der die Verhältnisse zwischen denen da oben und jenen da unten gar nicht so anders sind, wenn man die Vermögensverteilung betrachtet. Puntila will die Arbeiter per Handschlag verpflichten, ohne Kontrakt, dafür mit großzügigen Versprechen. Wieder nüchtern, wird er sie rausschmeißen. Doch dieses Spiel machen nicht alle mit, wie der Rothaarige. Ohne Kontrakt läuft für ihn nichts. Das kapitalistische System erodiert zusehends.

   Deutlich wird die Doppelbödigkeit der Inszenierung in einer kurzen Szene. Puntila erscheint mit einem Kopfschmuck aus Pfauenfedern. Grinsend kommentiert Sascha Nathan „V-Effekt“. Es ist indes keiner im Brecht’schen Sinne. Denn Puntila ist doch tatsächlich ein eitler Pfau. Insofern hinterfragt die Regisseurin den Ansatz des als Volksstück deklarierten Werkes. „Das Sichere ist nicht sicher. So, wie es ist, bleibt es nicht.“ Formuliert BB in seinem „Lob der Dialektik“. Letztlich auch die Quintessenz dieses Stücks. Am Ende nützen dem Herrn auf Puntila weder seine 90 Kühe, noch sein großer Wald, noch sein Sägewerk etwas, weil sich die von ihm Abhängigen emanzipieren. Einschließlich seines Knechts. Der Säufer und Kapitalist bleibt allein zurück, ein Haufen Elend.

   Nicht vergessen sollte man den Knecht Matti. Er verlässt seinen Herrn und nimmt auch noch dessen Tochter Eva mit. Dann fällt die Fassade des biegsamen Alleserledigers. Er prüft, ob sie als Ehefrau geeignet ist. In bester herrschaftlicher Manier.  Sie genügt indes seinen Ansprüchen nicht. Matti hat seine Lektion gelernt. Gelernt? Nein, der Matti des Peter Moltzen hat von Anfang an die Verhältnisse durchschaut. Eigentlich müsste man sich vor ihm fürchten.

   Info: Nächste Aufführungen am Dienstag, 26. (20 Uhr) und Mittwoch, 27. September (19.30 Uhr), www.berliner-ensemble.de

Wolfgang Nußbaumer

(12.07.2023) 

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