Nordisch, experimentell, grandios

11. Aug. 2025

    Die Zuhörerinnen und Zuhörer werden den Namen Balázs Kecskés vermutlich nicht mehr vergessen. Sein Werk „Komm“ hat allein schon das Kommen gelohnt. Unglaublich, was der junge Komponist aus Budapest an Klängen, Akkorden, kantablen Momentaufnahmen und solitären Melodiesprengseln in diese Partitur hineingepackt hat. Es grenzt schon ans Wunderbare, wie der Dirigent Nils Schweckendiek den zwölfköpfigen Kammerchor und das NeoQuartet Danzig unter einen Hut gebracht hat.

   Für traditionelle Hörgewohnheiten beginnt das Stück, gelinde gesagt, sperrig. Haben Karolina Piatkowska-Nowicka, Pavel Kapica, Michal Markiewicz und Krzysztof Pawlowski ihre Streichinstrumente verstimmt? Doch rasch wird klar, dass dieses schräge Hineinschlittern Mittel zu einem fantastisch ausgeklügelten Zweck ist. Heftige Attacken von den Saiten treffen auf Vokalisen und narrative Elemente des Chores. Ein atonales Festival beim Festival. Ein Hoch auf die Disharmonie. Darf man das? Wenn man’s kann. Der Mann aus Ungarn, der in den voll besetzten Bankreihen an der deutschen Erstaufführung seines Werkes teilnimmt, kann. Nachdem man zunächst etwas stutzt, zieht es einen hinein in diesen unwiderstehlichen Sog aus entfesselten Musikpartikeln, aus dem Spiel mit wenig Harmonie und viel Disharmonie  und dem dynamischen Hinundher. Kein identifizierbares melodisches Gerüst verleiht den Hörenden Sicherheit. Hier ein kurzes Tenorsolo, dort ein schneidend heller Sopranschrei.

   Kecskés’ Komposition verlangt absolute Perfektion, ohne die empathische Metaebene zu vernachlässigen. Für einen Wimpernschlag finden sich Chor und Quartett hymnisch zusammen, um sofort wieder auseinander zu driften. Schließlich verklingt dieses „Komm“, das sich auf einen elfstrophigen Text des 1694 gestorbenen deutschen Dichters Paul Thymich bezieht, düster und wehmütig in mehreren Wiederholungen. Das war Gregorianik in heutige Tonsprache übertragen.

 

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   Sieht man die ungarische Sprache als mit der finnischen verwandt an, passt „Komm“ in den nordischen Kontext des Programms. Schon mit „Valossa“ („Im Licht“) der Komponistin Lotta Wennäkoski hat der Chor ein modernes Stück aus seiner Heimat mitgebracht. Atonal und experimentell. Sprache korrespondiert mit reinem Klang. Beide zusammen kulminieren in expressiven Tutti.

   Angenehmer ins Ohr geht das Lied „Sommarnatt“ („Sommernacht“) ihres Landsmannes Erik Bergman, das dieser vor 80 Jahren geschrieben hat. Thematisch erinnert es an das Programm von „Spark“ und Sandie Wollasch in der Johanniskirche. Zum Sommer passt das Feuer. Jean Sibelius hat es in jungen Jahren mit „Saarella Palaa“ („Feuer auf der Insel“) in eingängige Noten gefasst.

   Mit dem „Salve Regina“ d-Moll von Alessandro Scarlatti und dem 20 Strophen umfassenden „Stabat mater“ dessen Sohnes Domenico zeigt der Kammerchor aus Helsinki, dass er auch das geistliche barocke Genre beherrscht. Mit inniger Hingabe und großer Empathie in der Zwiesprache der Frauen- und Männerstimmen intonieren die Finnen den Klagegesang von Christi Mutter.  Nach dem ausgedehnten, berührenden „Amen“  bedanken sich Nils Schweckendiek und sein Ensemble für den ausgedehnten Beifall mit einem zärtlich-traurigen Wiegenlied von Jean Sibelius. Eingeschlafen ist dabei bestimmt niemand.

   EKM-Intendant Klaus Stemmler darf mit seinem „Sommer“-Festival hoch zufrieden sein. Und bestimmt schmiedet er schon heftig Pläne für das nächste Jahr. Wir sind gespannt!

 

Wolfgang Nußbaumer     

(10.08.2025)

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