Das Grübchen in der Wange

28. Mai 2023

   Der Titel ist mehrdeutig. Zum einen bezieht er sich auf die Verunreinigung eines Gräberfeldes, zum andern beschreibt er die Situation eines Paares, in das das Gift der Trennung eingesickert ist. Jedenfalls treffen sich die beiden auf der Bühne des Theatersaales im KUBAA. Er ist in dem Stück von Lot Vekemans, für das Karin Eppler Regie geführt und die Ausstattung verantwortet hat, zuerst da. Er wartet auf einer Stuhlreihe in der Friedhofshalle auf die Umbettung eines Grabes. Draußen prasselt der Regen. Unwirtlich alles. Dann eilt sie durch die Tür. Ist spät dran, ist nervös, hat viel zu erledigen; die Einkäufe sollten nach Hause. Sie sehen sich hier auf dem Friedhof wieder – nach zehn Jahren. Damals hat er einfach so das Haus verlassen und sie allein gelassen.

   Und jetzt? Wie sich einander wieder annähern? Dazu muss die Vergangenheit aufgearbeitet werden. Zunächst in unverbindlichen Allgemeinplätzen. Symbolträchtig ganz weit sitzen sie auf der Stuhlreihe auseinander. In dem Maße, wie ihre Unterhaltung, Rede und Gegenrede, konkreter wird, kommen sie sich auch physisch näher. „Nicht anfassen!“ warnt sie ihn jedoch. Es gibt viel zu bereden. Warum er vor zehn Jahren einfach weggefahren ist, nach Frankreich. Einfach so. Überdruss an der Ehe?

   Magdalena Flade und David Liske spielen authentisch, berühren unmittelbar existenziell. Als Paar in dem Stück teilen sie ein Schicksal, das nicht singulär ist. In dem Grab, das umgebettet werden muss, ruht der Leichnam ihres Sohnes. Er ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Während die Mutter meint, sie habe sich mit dem Verlust abgefunden, brüllt er sich die Trauer förmlich von der Seele.

   Sie ist gleichwohl traumatisiert, nimmt Schlaftabletten, räsoniert, wie schnell man süchtig werden kann. Während ihm, der gerne Positionen abwägt, es wichtiger erscheint, wie schwer man sie wieder loswird. So gibt ein Wort das andere. Ein Pingpong von Verletzung und Annäherung, von Ablehnung und Vertrauenssuche. Diese Szenen einer Ehe kann sicher fast jede Paarbeziehung teilen.

   Wie findet man wieder zu sich selbst? Das ist die Frage. Er hat für sich das Singen entdeckt, das ihn ganz frei macht. Seitdem sieht er vieles ganz anders. Außerdem schreibt er ein Buch. Sie wittert gleich Biografie; auf keinen Fall will sie zum Objekt werden. Die eigene Trauer zu schildern sei pathetisch.

   Plötzlich stellt sie fest: „Du hasst mich“. Vermutlich, um das Gegenteil zu erfahren. Tatsächlich hat er zuvor erzählt, wie er bei der Herfahrt an sie gedacht hat, an das Grübchen in ihrer rechten Wange, wenn sie gelacht hat. Eine Erinnerung, die ihm verloren gegangen war. Es liegt in der Logik der Annäherung, dass sie wünscht, er solle sagen, „dass alles wieder gut wird.“ Lässt er aber offen. Und noch etwas wünscht sie sich. Er soll sie festhalten. Lange umarmen sie sich und den Traum vom möglichen Glück. Das sich nicht mehr einstellen wird. Er hat inzwischen eine französische Partnerin, die von ihm schwanger ist. Sie macht die Kerzen am Grab aus, während er noch zu seiner Mutter fährt. Das Publikum dankt dem Duo für sein lebensnahes Spiel mit sehr herzlichem Beifall. 

Wolfgang Nußbaumer

(27.05.2023)

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