Alle Beteiligten träumen von ein wenig spätem Glück, zumindest von etwas Zufriedenheit; doch so richtig zugeben will das niemand in diesem Flirt-Kurs der VHS. Bis auf eine. Da es sich bei diesem noch vom früheren STOA-Leiter Siegfried Hopp mit den Akteuren des „Theaters ohne Aufsicht“ (T.O.A.) inszenierten Stücks um eine Komödie handelt, ist das gute Ende garantiert. In echter Währung. So viel darf man vorab verraten.
Die fünf Frauen und drei Männer geben im „Theater auf der Aal“ allen Grund, herzhaft zu lachen, vergnügt zu glucksen – und die eine oder andere kleine Träne zu verdrücken. Denn Hopp macht in seiner ganz auf die Ausdruckskraft der unterschiedlichen Charaktere setzenden Inszenierung deutlich, dass diese acht Akteure nicht mehr und nicht weniger sind, als die Spiegelbilder des Publikums. Natürlich um der Klarheit Willen überzeichnet. Damit bedienen sie zwar gängige Klischees – und enttarnen sie zugleich. Diese Dialektik macht den eigentlichen Reiz dieser „Blütenträume“ aus. Nahe gehen sie einem, weil sie ganz aktuelle Probleme älterer Menschen thematisieren und Möglichkeiten erörtern, wie man mit sich zu Streich kommen könnte. Altern ist offensichtlich nichts für Feiglinge.
Allein schon der Aufmarsch der Protagonisten auf der von Andrea Lingel mit Stuhlhalbkreis und später mit einer Fauteuil-Garnitur bestückten Bühne ist ein Vergnügen. Mit ersten sicheren Strichen typisieren sie ihre Figur. Wenn das so weitergeht, darf es gerne lange so weitergehen. Die Vermutung, dass die „Oldies“ der jungen Kursleiterin Jana (Nicole Klose) das Leben schwer machen könnten, wird rasch zur Gewissheit. Im Pfeilhagel aus Ironie und Boshaftigkeit, den die von Brigitte Schenk adäquat verkörperte ältliche, zutiefst misanthropische und besserwisserische Bibliothekarin Britta abfeuert, bleibt die sich um selbstbewusstes Auftreten bemühende gelernte Schauspielerin mit abgebrochenem Psychologiestudium rasch auf der Strecke. Als sie in heulende Verzweiflung getrieben das Feld räumt, hat ihr Kurs die Freiheit, das Gesetz des Handelns selbst in die Hand zu nehmen.
Das Paket negativer Erfahrungen und unerfüllter Wünsche, das jeder mitgebracht hat, wird aufgeschnürt. Brigitte Lepper überzeugt als verbitterte feine Dame Frieda, die ihre besten Jahre für die aufwändige Pflege ihres wesentlich älteren Mannes geopfert hat. In selbst gestricktem Bunt, das wie eine Karikatur von Pippi Langstrumpf aussieht, gibt Ute Kircher mit nie verzagender Fröhlichkeit die gute Seele Gila, die mit Kaffee und Kuchen aufkeimenden Zwist besänftigen will. Eigentlich überspielt sie damit die Enttäuschung, dass ihre Kinder sich nicht mehr melden. Aus der Not heraus ist die mit Susann Richter-Funk und Sonja Schneider alternierend besetzte heulsuselige Karrierefrau Julia im Altenclub gelandet, weil ihr Kurs nicht zustande gekommen war. „Knallhart“ will sie „die nackte Wahrheit“ über sich erfahren. Passt sie überhaupt in eine Senioren-WG, wie sie als Zukunftsmodell andiskutiert wird.
Der grundsolide und schlagkräftige Handwerker Heinz (Dieter Niegel gibt ihm eine unterschwellige Melancholie mit auf den Weg) könnte sich das gut vorstellen; weniger der somnambule Ulf (Jens Lüdecke), der träumerisch sein Heil in der Kreativität sucht. Markus Katzenmaier steuert in der Rolle des selbstgefällig gockelnden Schuldirektors Friedrich ein weiteres schauspielerisches Kabinettstückchen bei. Erwartungsgemäß wird nichts aus der WG; dafür sinken sich die Teilnehmer des Flirt-Kurses paarweise in die Arme – und ab durch die Mitte. Bis auf eine.
Die Truppe muss einige Male auf die Bühne kommen, um sich zu verbeugen, bis das Publikum im ausverkauften Theatersaal endlich Ruhe gibt.
Info: Weitere Aufführungen sind heute, Freitag, morgen Samstag, sowie am Freitag, 29. und Samstag, 30. November. Karten können unter Tel. 07361 4906039 reserviert werden.
Wolfgang Nußbaumer
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