Die Scheibe bringt es an den Tag

17. Apr. 2023

   Die Spielfläche, die sich Ulrich Rasche für seine Inszenierung am Residenztheater in München ausgedacht hat, hält alles in Bewegung. Die Sprache vorneweg, das Personal, das sie spricht, die todtraurige Geschichte und die Musik.

   Manches mag einem bei Georg Büchner bizarr und grotesk vorkommen wie Ereignisse und Bewohner auf Terry Pratchetts „Scheibenwelt“. Nur gibt es auf Rasches Drehscheibe wirklich nichts zu lachen. Sie ist in dem Sinne ein „unbekanntes Flugobjekt“, als niemand weiß oder sich vorstellen kann, was geschehen wird. Eines indes ist sicher: Es wird düster. Sobald die Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem dunklen Hintergrund ins Scheinwerferlicht treten, schreiten sie sprechend auf der Stelle. Büchners Sprachrhythmus ist atemlos. Abgehackt, von raschem Pulsschlag. Damit steht sogar der schwermütige Hauptmann ständig unter Strom. „Ich spürs schon, ‘s ist so was Gschwindes draußen“, sagt er zum Woyzeck, der ihn gerade rasiert. Er meint zwar das Wetter. Doch das ist im Grunde nur ein Bild für das, was kommen wird.

   Wie meist bei diesem Regisseur besteht das Bühnenbild nur aus sich bewegenden Maschinen. Die Szene selbst wird ausschließlich in der Sprache abgebildet.  So wird auch Büchners Drama zu einem Fest der Sprache und der ihm innewohnenden Musikalität. Als Ergebnis erlebt das Publikum im wieder nahezu ausverkauften Haus – immerhin hatte das Stück hier schon im Januar 2020 Premiere – ein existenzielles Musiktheater der Extraklasse. Heftiger Paukenwirbel leitet die Aufführung ein. Dräuender Gewitterdonner von Anfang an. Neben dem Schlagzeuger sorgen noch ein E-Bassist und ein Kammerensemble mit Viola, Fagott, Piano und Synthesizer für die agierende und reagierende musikalische Basis.

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Woyzeck (v.l.) mit dem Hauptmann (Thiemo Strutzenberger) und dem Doktor (Florian von Manteuffel).

 

   Das Sprechwunder auf dem unsicheren Grund vollbringen Nicola Mastroberardino als Woyzeck, Franziska Hackl als seine Geliebte Marie, Thiemo Strutzenberger als Hauptmann, Florian von Manteuffel als zynisch-überheblicher Doktor, der den Woyzeck für zweifelhafte wissenschaftliche Versuche missbraucht, Michael Wächter als machohafter Tambourmajor, Max Rothbart als einfältiger Andres, Barbara Horvath, Toni Jessen, Justus Pfannkuch und Johannes Nussbaum in diversen Nebenrollen. „Ha lustig ist die Jägerei allhier auf grüner Heid“, stimmt der Andres an Woyzecks Seite an – und es klingt wie ein Drohgesang.

   Am Ende ist des Hauptmanns Bursche von allen Geistern verlassen, ein Opfer der Verhältnisse, verlacht und ausgegrenzt. Ein Mörder aus Verzweiflung. Erstochen hat er die Marie, weil sie ihn mit dem Tambourmajor betrogen hat. Der hatte ihn im Wirtshaus auch noch niedergeschlagen und zum Gespött gemacht. Wohin mit all dem Gram, dem Kummer, dem Nichts, das ihm geblieben ist. Nochmals auf den Punkt gebracht vom Ensemble, das sich als Sprachchor auf der steilen Scheibe um ihn herum bewegt. Im Schlussbild verlässt der Woyzeck mit einem Jungen an der Hand die schräge Spielfläche. Ist der Kleine ein Zeichen der Hoffnung? Auf eine bessere Zukunft?  Der kräftige Applaus jedenfalls verlangt nach weiteren Aufführungen dieser Inszenierung.

   Info:  Die nächste geht am Sonntag, 30. April, 19.30 Uhr im „Resi“ über die Bühne. Karten telefonisch unter 089 2185 1940 und über www.residenztheater.de/karten

 

Wolfgang Nußbaumer

(17.04.2023)

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