Die Freiheit trägt Hosen

15. Juli 2019

   Sie wirkt wie eine Leinwand, die ein Maler mit Farben füllen soll. Die Regisseurin Gerburg Maria Müller hat keine Scheu vor der leeren Fläche gezeigt und mit der Mimentruppe des Kulturvereins Schloss Laubach Johann Nestroys Revolutionsposse „Freiheit in Krähwinkel“ als farbenfrohen Bilderbogen auf die Bühne gebracht. Das Volk hat sich die Gedankenfreiheit einfach genommen, die ihm die Obrigkeit nicht gewähren wollte. Frisch, fromm (eher nicht), fröhlich, und sehr frei.

   Wenn alles passt, gibt es nichts Schöneres als gut gelauntes Sommertheater. Bei der Premiere hat alles gepasst. Bevor die Krähwinkler loslegen, träufelt „Griechischer Wein“ seine Klangtrauben über die erwartungsvollen Zuschauerinnen und Zuschauer. Nicht wenige haben ein Glas in den Händen, in dem ein spezieller Drink zum Stück sein verführerisches Aroma entfaltet. Andere spielen insofern passiv mit, als sie ein Fläschchen Lamm-Bräu griffbereit haben. Dessen grüne Kisten nützt das Bühnenpersonal als Sitzmöbel, Schreibtisch oder Barrikade. Ein ökonomischer Umgang mit den Requisiten im Zeichen der Nachhaltigkeit. Die Bühnenmusik hat Uli Krug arrangiert.

     Gar nicht ökonomisch geht dagegen die Theatertruppe mit ihren Mitteln um. Dafür umso nachhaltiger. Sie rast mit dem Thespiskarren vor allem in zweiten Teil im Formel 1-Tempo über die Bühne. Gezielte Karambolagen mit Spießer- und Duckmäusertum halten das Publikum bei Laune und geistig auf Trab. Denn es lohnt sich, der Abrechnung des frühen investigativen Journalisten Eberhard Ultra in Gestalt des Poltergeistes Marcus Bohnet (ein dickes Lob für den Kollegen) mit der bornierten „Herrlichkeit“ und ihrer Gefolgschaft zuzusehen. Mit breiter Brust bahnt Ultra der Freiheit eine Gasse; wobei er jedoch keine Lanzen, sondern die Intrigen der herrschenden Klasse auf sich zieht.

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Der Wermutstropfen im Emanzipationsglas: Ohne Eberhard Ultra hätte es keinen Weiberaufstand gegeben.

 

Diese will nicht von der Macht lassen, in der sie sich trefflich eingerichtet hat. Das sind neben dem selbstverliebten, schnieken Bürgermeister (Michael Rauscher), oben auf dem Balkon über allen thronend, an vorderster Front der Verwaltungsvorstand Klaus, den das Laubacher Urgestein Helmut Klotzbücher in allen Farben des devoten Schleimers zeichnet, der den Dolch im Gewande führt; für ihre Rolle der Staatssekretärin Dr. Meißner muss Karin Starczewski die AfD-Skandalfrau Alice Weidel intensiv studiert haben; Benedikt Kübler wandelt sich vom superkorrekten Angestellten Siegmund Siegel der Liebe zu Cäcilie (Jana Beuther) wegen, dem kessen Töchterlein des für sie nach Höherem strebenden Herrn Klaus, zum aufrechten Revoluzzer – wie am Ende fast alle.

     Die es alle verdient haben, erwähnt zu werden: Kai Forster (das reinste Rollenchamäleon als Nachtwächter, Rummelpuff und Polizeikommandant); Karin Sinner, die als die reiche Witwe Frau von Frankenfrey resolut durchs Geschehen stöckelt; Felix Wanke (Verwaltungsangestellter Willibald Wachs), Pia Leis (Bäckermeisterin Hägele), Heidrun Neusser (Schneidermeisterin Leinmüller); Vicky Stopka schlüpft in mehrere Rollen (Emerenzia, Gattin des Herrn Klaus; Geheimrätin Frau von Schnabelbeiß; Lebensmittelhändlerin Frau Gruber); Franziska Benkendörfer (Adele, Tochter von Frau Schnabelbeiß; Frau Grimminger, Wäscherin); Annika Pfisterer (Walpurga, Tochter des Nachtwächters; Frau Hofbauer, Bäuerin); Yasmin Rathgeb (karikiert famos den Dichter Sperling; Frau Pfleiderer, Apothekerin); Henry Dürr (Pfiffspitz, Chefredakteur der Lokalzeitung).

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     Als eine der köstlichsten Szenen neben dem Auftritt Ultras, der den geldgierigen Herrn Klaus aufs Glatteis führt, bleibt der Besuch einer „russischen“ Delegation in Erinnerung, der Krähwinkels Bürgermeister herrlich auf den Leim geht. Und am turbulentesten geht das Ensemble als Alptraum des Dorfoberen zur Sache, der sein müdes Haupt gerade zur Ruhe gebettet hat. Die eigentliche Schlüsselszene jedoch hat sich die Regisseurin zum Schluss aufbewahrt. Da steigen die Frauen als Studenten auf die Bierkistenbarriere und fordern Hosen als Symbole der Freiheit. In diese gehüllt, wackeln sie dann mit charmanter Selbstironie kräftig mit den sehenswerten Hintern. Emanzipation made in Krähwinkel.

   Weil das trotz der Fülle visionär etwas wenig wär, stimmen Ultra und Co. zusammen mit den Menschen auf den Rängen Schillers „Ode an die Freude“ an. Mit ihr hat der Dichter zwar einst eine Gesellschaft gleichberechtigter Männer beschworen – aber was soll’s. Der Freiheitsdenker hat es damals halt nicht besser gewusst. Ein großer Wurf ist der Müllerin zusammen mit den Laubacher Theaterenthusiasten gleichwohl gelungen.

 

   Info: Weitere Aufführungen Freitag, 26. Juli und 2. August, Samstag, 20. Juli und 3. August; jeweils 20.30 Uhr; Sonntag, 21. und 28. Juli jeweils 19.30 Uhr.  

 

Wolfgang Nußbaumer 

          

      

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