Der Titel trifft auf das gesamte Programm des Duos zu. Einfach unerhört fabelhaft.
Trotz des unwirtlichen Wetters – der Wind sang mit den Drähten der Fahnenmasten ein unheimliches Lied – ist der Konzertsaal gut besetzt. Akademiedirektor Moritz von Woellwarth hat mit seinem Jazzprogramm „Turnaround“ in kurzer Zeit eine offensichtlich tragfähige Tradition geschaffen.
Mit diesem österreichisch-französischen Duo stellt er die Hörgewohnheiten der Zuhörerinnen und Zuhörer allerdings auf eine harte Probe. Dessen Musik bewegt sich auf seinem ganz persönlichen „Playground“ (so der Titel des aktuellen Albums) elektronisch befördert zwischen – vermeintlichem – Chaos und Vollendung. Der Flügel ist für allerlei Features verkabelt. Und Camille Bertault braucht gleich zwei Mikros, um die gesamte Bandbreite ihrer Stimmartistik mit „Loops“ und Halleffekten ausnützen zu können. In einem Atemzug scattet sie parallel zu Helbocks Laufarbeit auf den Tasten in atemberaubendem Tempo, um blitzartig in klassische Chansonseligkeit umzuschalten.
Doch das sind alles Momentaufnahmen. Denn nichts beherrscht dieses Duo so perfekt wie den beständigen Wandel. Es stürzt sein Publikum in dynamische und melodische Wechselbäder. Zwischen dem supernervösen „Frevo“ und dem wehmütig hingehauchten Chanson „Good Morning Heartache“. Man kann gar nicht anders, als hellwach zu bleiben im Sog dieser in einen roten Sakko, eine schwarze Hose und schwarzrote Schuhe gekleidete Dreioktavenstimme und dem Klangtheater, das dieser Pianist am Flügel inszeniert. Da trifft schon mal Vogelgezwitscher auf Stimmengewirr. Und das dem Saxophonisten Ornette Coleman gewidmete „Lonely Supamen“ bringen die beiden als kecke Harlekinade über die Rampe.
Allein ihnen bei der Arbeit zuzusehen ist ein Vergnügen; ihnen in ihre „New World“ zu folgen ein Abenteuer, das man gerne riskiert. Für so viel Folgsamkeit revanchieren sich Camille Bertault und David Helbock mit zwei Zugaben. Chapeau!
Wolfgang Nußbaumer
(04.02.23)
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