Der Regisseur Dušan David Pařizek hat diese Aufgabe zusammen mit einem spielfreudigen Ensemble am Schauspielhaus Stuttgart mit Bravour gemeistert.
Als der Zuschauerraum geöffnet wird, sind Arbeiter noch damit beschäftigt die Spielstätte aufzubauen. Unter ihnen das Personal, das hier in wenigen Minuten agieren wird. Von Anfang an ist alles im Fluss. Wie der alles beherrschende mächtige und nach einer Seite offene Kubus in der Mitte. Er ist weder Tempel noch Gefängnis, sondern Symbol. Für eine Welt, die in Brüche gehen wird. Wie die Holzlatten, die seine Seitenwände bilden.
„Achtung, es wird laut“ steht auf einem Schild, das ein Bühnenarbeiter warnend hochhält. Man will sein Premierenpublikum ja nicht über Gebühr erschrecken. Ein bisschen schon. Laut wird es immer wieder, zum Beispiel wenn der einzige Mann im Spiel seine E-Gitarre wummern lässt. In dieser Geschichte haben die Frauen die Hosen an. Nur er muss sie auf deren Geheiß hin fallen lassen. Und sich sogar noch zum Saal hin umdrehen. Peter Fasching tut’s mit Fassung. Um einen Augenblick später wieder zur Gitarre zu greifen. Erst dann hat er Zeit, seine Blöße wieder zu bedecken.

Was diese Inszenierung auszeichnet, ist ihre spielerische Ironie. Nur sie ermöglicht die innere Distanz, ohne die eine Schilderung des wahrlich bewegten Lebens der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir auf der dramatischen Strecke bliebe. Um zu zeigen, was diese Frau in ihrem langen Leben geleistet hat, braucht man gleich drei Frauen. Diesen Part der Annette teilen sich in Gestalt von Sarah Franke, Josephine Köhler und Sylvana Krappatsch ganz unterschiedliche Charaktere. Wie sie sich jeweils diese Figur aneignen, besser, sie analysieren, kann einen nur fesseln. Zumal mit Schattenspielen auf der Kubuswand das theatrale Geschehen optisch noch überhöht wird. In Sachen Ironie spielt Peter Fasching (nomen est omen) insofern noch eine zentrale Rolle, als er den Vertreter der algerischen Nationalen Befreiungsfront FLN mit echtem bayerischen Akzent seine Tiraden sprechen lässt.
Wer also ist diese Frau, die für ihre sozialistische Überzeugung sogar ihre Kinder zurücklässt? Eine unbequeme Kämpferin, deren Selbstzweifel sie erden. Anne Weber hat ihr mit ihrem Epos kein Denkmal gesetzt, jedoch eine Frau gewürdigt, die mit ihrem Engagement als Ärztin und Kämpferin für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu einer Zeit ein Zeichen gesetzt hat, als „Gendern“ noch unbekannt war. „Der Kampf, das andauernde Plagen und Bemühen hin zu großen Höhen reicht aus, ein Menschenherz zu füllen. Weshalb wir uns Sisyphos am besten glücklich vorstellen.“ Die Schlusssequenz in Anne Webers Epos und auf der Bühne. Der Gipfel der Ironie? Das nicht. Schon eher von Zweifeln geplagter Optimismus als aktuelle Zustandsbeschreibung. Das Publikum drückt sein Verständnis mit anhaltendem, herzlichem Beifall aus. Er gilt auch der Autorin, die der Regisseur noch auf die Bühne holt.
Info: Nächste Aufführungen 11./16./20.2. jeweils 19.30 Uhr. Karten unter Tel. 0711 202090; www.schauspiel-stuttgart.de
Wolfgang Nußbaumer
(06.11.22)
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