Iiro Rantala solo und das Jacob Karlzon Trio machen den fesselnden Auftakt der 31. Ausgabe Mittwochabend in der Stadthalle. Zuerst verrät Eddy Cichosz, ein „kunterbunt“-Urgestein, in seiner Ansage, dass eine neue Beschallungsanlage den Eindruck vermitteln solle, man säße mitten im Orchester. Nun gut, Rantala und Karlzon spielen vor einem oben auf der Bühne; der Klang ist allerdings absolute Spitzenklasse. Der Solist, das Trio und die rund 250 Generationen übergreifende Fans haben ihn genossen.
Als Corona Auftritte unmöglich gemacht hat, nutzte Rantala die Zeit zum Komponieren. Herausgekommen ist ein fabelhaftes Album. „potsdam“, weil er es dort live eingespielt hat. Es beginnt mit „twentytwentyone“ und beschreibt die Zeit des Verzichts. Mit allem, was dazu gehört, Arpeggien ganz beiläufig, virtuose Läufe – und immer wieder der linke Akkordhammer. Seine Linke ist im wahrsten Sinne des Wortes seine Schlaghand. Mit der er indes auch ganz sanft schmeicheln kann. Iiro Rantala hat Witz, Humor und einen ausgeprägten Sinn für (Selbst)Ironie. Seine mit Anekdoten gesättigten Ansagen werden nahtlos auf den Tasten fortgesetzt.
Ganz ernst wird er nur in dem sanft zu Herzen gehenden „peace“ und der seinem 2008 bei einem Tauchgang tödlich verunglückten Kollegen Esbjörn Svensson (der mit seinem Trio ebenfalls schon einer der Jazzfest-Stars gewesen ist) gewidmeten Hommage als Zugabe. Mit „woman“ erinnert er an John Lennon und mit der „candide ouverture“ an den großen amerikanischen Komponisten und Pianisten Leonard Bernstein. Das alles fließt und tanzt und springt und jubiliert („time for rag“, „can you be bob?“). Nur nicht im herrlich melancholischen „november“ („wenn im Süden Finnlands alles dunkel ist“, erklärt er schmunzelnd).
Kann es eine bessere Überleitung zu dem brillanten Pianisten Jacob Karlzon, Morten Ramsbol am Bass und Rasmus Kihlberg am Schlagzeug geben. Wie sie die „Nordic Noir“ heraufdämmern lassen. Der Schwede ist ein Klangtüftler par excellence, sucht auf Flügel und Keyboard parallel ein Soundgefüge mit Loops, um es gleich wieder aufzulösen. Eine von Kihlbergs Electronics und analogem, wenn’s sein muss rockigem Drumfeuerwerk angetriebene Zeitreise durch ein fantastisches Universum.
„Wanderlust“ heißt die neue CD des preisgekrönten Nordland-Trios. Das heißt Erkundung, ausloten des gerade noch Spielbaren mit Wiederholungseffekt, heißt ekstatischer Hexensabbat mit seiner Auflösung in melodischer Meditation. Ja, dieser Jacob Karlzon kann auch Melodien zum süchtig werden aus den Tasten zaubern. Wie in „Lullaby for Runaways“, das auf der CD der Trompeter Mathias Eick intoniert, bevor es zur Sache geht. „To the Moon and Back“ bezeichnet einen ganz weiten Ausflug auf „Wanderlust“. Ein tolles Abenteuer diese Konzertreise zum Mond. Schade nur, dass uns am Ende die Erde wieder hat.
Wolfgang Nußbaumer
(03.11.22)
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