Und plötzlich sehen sich viele der rund 1200 Menschen am Eröffnungsabend des Festivals im Innenhof von Schloss Kapfenburg mit golden schimmernden Bändern geschmückt. Die passende Dekoration am Ende einer spektakulären Musikshow der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg (JPO). Unter der Leitung von Uwe Renz hat sie Schloss und Publikum nach New York versetzt. An den „Blue Broadway“.
Doch von wegen „blaue Stunde“. Leonard Bernstein und George Gershwin garantieren den Sound der Großstadt. Bereitwillig und mit großem Temperament gefiedelt, geblasen und getrommelt von dem riesigen Orchester. Mit sichtlichem Spaß an der Freud sind die jungen Musici bei der Sache und reagieren auf jeden Fingerzeig ihres Maestro, hinter dessen fließendem Dirigat sich geballte Energie verbirgt. Mit der Ouvertüre zu Bernsteins Musical „Candide“ hat Uwe Renz zum Einstieg in den „Broadway“ ein weniger oft zu hörendes Stück ausgewählt. Gelegenheit für sein Orchester, auf Betriebstemperatur zu kommen.
Diese hat es mit dem Ohrwurm „Summertime“ aus Gershwins Oper „Porgy and Bess“ als musikalischer Partner von Shelly Phillips bereits erreicht. Die deutsch-amerikanische Sängerin hat wie so viele andere erfolgreiche Künstler ihre Ausbildung an der Mannheimer Pop-Akademie erhalten. Ihre Interpretation des meistgecoverten Wiegenlieds hat sie soulig unterfüttert. Später wird sie mit ihrem nachdenklich-ironischen „America“ aus der „West Side Story“ nochmals ihr großes Talent zeigen.
Porgys Song „I Got Plenty Of Nothing“ (eigentlich „I Got Plenty o‘ Nuttin’ “) ist bei dem samtigweichen Tenor von FAYIM zwar nicht in der richtigen Stimmlage angesiedelt, die Stimmung des verkrüppelten Mannes, der nichts Materielles zu verlieren hat, bringt er jedoch gut über die Rampe. Sie passt dafür umso besser zu Bernsteins zärtlichem Liebeslied „Maria“. Und zu dem abschließenden Duett „One hand, one heart“ mit Shelly Phillips.
In die Mitte des Programms hat der Maestro den aus Aalen stammenden Elias Opferkuch plaziert. Was der schon mit zahlreichen Auszeichnungen bedachte Pianist in inniger Korrespondenz mit dem um keine Blue Note verlegenen Orchester in die Tasten schmeichelte und hieb, dürfte auch George Gershwin gefallen haben.
Was dann folgt, hat die Burg noch nie erlebt. Mit Leonard Bernsteins „Symphonic Dances“, in denen er einige Nummern der „West Side Story“ verarbeitet hat, läuft das in allen Registern üppig besetzte Orchester zu ganz großer Form auf. Allein diesen „Mambo“ wird man so schnell nicht vergessen. Geballte instrumentale Raserei, angetrieben von einem elektrisierenden Rhythmus, Forte-Attacken, dass es kracht. Uwe Renz entfacht und beherrscht diese Gewalt ausstrahlende Waberlohe als vitaler Hexenmeister und führt sie hinein ins „Finale“ mit Paukendonner und einem Feuerwerk aus Licht- (Light Division) und Raketenblitzen (Feuerwerksweltmeister Joachim Berner). Während das Publikum ganz aus dem Häuschen ist, sind die JPO und ihr Chef erschöpft, aber glücklich. Zurecht!
Landrat Dr. Joachim Bläse kann seine eingangs gemachte Feststellung bestätigt sehen: „Bei diesem Festival kann man in schwerer Zeit Kraft tanken.“ Akademiedirektor Moritz von Woellwarth wiederum freut sich, dass am Ende des Festivals seit 2000 rund 200.000 Menschen tolle Musiksommer erlebt haben werden. Ganz im Hier und Heute. Die neue Zeitrechnung signalisiert auch das Label dieser Veranstaltung: „da!SEIN #1“ Wie viele Zahlen werden wohl noch folgen?Einen wollen wir nicht vergessen.
Weil Jonathan Zenker und Leon Spannan erkrankten, ist der Gmünder Singer-Songwriter Axel Nagel kurzfristig mit Songs aus seinem aktuellen Album „Casa Ananda“ eingesprungen.
Wolfgang Nußbaumer
(23.07.2022)
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