Die Choreografie der Macht

15. Mai 2022

   Im Schwarz der Bühne des Burgtheaters in Wien stehen 32 nackte Männer. Ein mächtiger Schlag dröhnt; dann fliegt über deren Köpfe wie ein Pendel ein abgeschlagenes Haupt. Der Henker hat es Maria Stuart vom Leib getrennt.

   Zuvor hatte die schottische Königin in Bühnengestalt der brillanten Birgit Minichmayr fast zwei Jahrzehnte in Kerkerhaft verbracht. Bewacht und schikaniert von dem grobschlächtigen Ritter Amias Paulet (Rainer Galke), dem treuen Gefolgsmann ihrer großen Widersacherin, der von Bibiana Beglau nicht minder faszinierend verkörperten Königin Elisabeth. Ihre letzten drei Tage schildert das Stück, für dessen optische Prägnanz der Bühnenbildnerin Annette Murschetz ein paar Wände und Lichteffekte zur ausgeklügelten Choreografie der nackten Komparsen genügen.

   Birgit Minichmayr, bleich wie der Tod, der sie bald ereilen wird, trägt einen roten Strick um den Hals, den lange, hellbraune Haare rahmen. Ihre Hände sind auf dem gramgebeugten Rücken gefesselt. Wie sie ihr Schicksal beklagt, geht schon tief unter die Haut. Doch die Spirale der verzweifelten Hoffnung, der Selbstaufgabe und des aufkeimenden Stolzes wird sich noch weiterdrehen, unerbittlich. Kusej hat diesen Schiller wie ein Shakespeare-Drama inszeniert. Kabale und Liebe, mörderische Intrige, Verschwörung. Düster, voll starker Bilder. „Macbeth“ als Frauentragödie. Nur wird Elisabeth am Ende nicht für den Tod der schottischen Regentin bezahlen müssen, sondern den Grundstock für Englands Blüte legen.

   Die Männer spielen neben den beiden großartigen Frauenfiguren, die mit Martin Kusej vom „Resi“ in München mitgekommen sind, nur Nebenrollen. Unverzichtbar jedoch als Stichwortgeber und Transmissionsriemen für den Fortgang der Geschichte. Itay Tiran gibt den Grafen von Leicester, Robert Dudley, als etwas schmierigen Bonvivant, der sich mit beiden Frauen gleich gut versteht. Sein Verrat, dass der junge katholische Edelmann Mortimer die Befreiung Maria Stuarts plant, hat ein großes Blutbad zur Folge, das der Regie wiederum Gelegenheit zu einem weiteren starken Bild gibt. Im um sie herum wabernden Bühnennebel liegen die nackten Männer, in deren Körpern Schwerter zu stecken scheinen.  Die Appelle des Grafen von Shrewsbury, Georg Talbot, prallen an dem Baron von Burleigh, Wilhelm Cecil, ab wie Wassertropfen von der Teflonpfanne. Flehentlich warmherzig tritt Oliver Nägeles Talbot auf. Der Kontrast zu dem kühl bis ans Herz erbarmungslosen Cecil des Norman Hacker, der auf Vollzug des Urteils dringt, könnte nicht größer sein.

MariaStuart_c_Horn-4016.jpg

Birgit Minichmayr als Maria Stuart (l.) hofft bei Königin Elisabeth (Bibiana Beglau) auf Nachsicht.

 

   Zahlreiche Symbole ergänzen die Schauspielkunst. Bibiana Beglau trägt zunächst am linken Arm einen stilisierten weinroten Falkner-Handschuh als Ausweis ihrer Macht über Leben und Tod. Später, als sie von den tödlichen Erfordernissen des Amtes und der tragischen Verbundenheit zu Maria Stuart innerlich fast zerrieben wird, sind ihre Hände blassrot gefärbt vom Blut. „Weiß und festlich gekleidet“, wie von Friedrich Schiller für sein Stück festgelegt, begegnet dagegen Birgit Minichmayr dem Oberschergen Wilhelm Cecil. Stolzes Selbstbewusstsein atmet jede Faser ihrer Erscheinung.

   Das Gegenbild dazu bietet Bibiana Beglau im nur vorne hochgeschlossenem blutrotem engem Schleppenkleid, in dem sie am Ende mit einem verzweifelten Schrei auf den Lippen vom Nebel verschluckt wird, der über die Bühne wabert. Dieser Hauch von Erotik, der auf ihrer nackten Rückseite aufblitzt, schlägt wieder die Brücke zur einst so sinnenfrohen Maria Stuart. Eine Ambivalenz, die beide Frauen zu zwei Seiten einer Medaille macht. Sie sind nicht austauschbar, ergeben indes nur zusammen ein Ganzes.

   Unter den Symbolen nicht nur zahlenmäßig das stärkste ist die Phalanx der nackten Männer.  Durch ihr massives Auftreten in Reih und Glied wirken sie einerseits bedrohlich, andererseits macht sie ihre Blöße wehrlos. Gleichzeitig bieten sie als menschliche Kulisse einen wirkungsvollen und optische Spannung stiftenden Gegensatz zu den in lange Mäntel gekleideten Schauspielern.

   Große Bilder, großes Schauspiel, Schiller nach wie vor aktuell in seiner dramatischen Analyse der Bedingungen von Macht. Der Beifall und die Bravorufe sind hoch verdient.

   Infos unter www.burgtheater.at

Wolfgang Nußbaumer

(03.05.2022)     

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
>