Makelloser polyphoner Schlusspunkt

25. Apr. 2022

   Die Sänger vom „Big Apple“ hätten ein größeres Publikum verdient.  Doch wie die Geschäftsführerin des Konzertrings Simone Fürst-Adriaans zu Beginn mitgeteilt hat, haben die Sorgen vor Corona und tatsächlich Erkrankte die Reihen gelichtet. Das Virus hat auch dafür gesorgt, dass die New Yorker zwei Jahre nicht in Deutschland auftreten konnten. Umso mehr haben sie sich auf dieses Konzert gefreut, wie der Altus Geoffrey Williams auf deutsch erklärt hat.

   Von der Musik der Renaissance bis in die Gegenwart haben er und seine Kollegen, die beiden Tenöre Steven Caldicott Wilson und Andrew Fuchs sowie der Bassbariton Craig Phillips, dann den Bogen der Lieder gespannt. „Glimpses of Beauty“ – flüchtige Eindrücke der Schönheit haben sie ihr Programm überschrieben. Mehr als ein flüchtiger Eindruck ist angesichts der Fülle von Kompositionen auch kaum möglich. Die „Polyphonys“ haben sich aus der alten Abteilung Kompositionen von Thomas Tallis, William Byrd, des spanischen Sängers und Komponisten Francisco de Peñalosa und des franko-flämischen Sängers, Komponisten und Klerikers Jean Mouton herausgepickt. Alles wunderschön anzuhören und makellos vorgetragen. Besonders innig, exquisit harmonisch und im Einsatz der Stimmen enorm abwechslungsreich die „Lamentationes“, die Klagegesänge des Spaniers. Perfekte Abstimmung untereinander und die lupenreine Intonation garantieren höchstes Hörvergnügen. Souverän wandelt es auf den Spuren des „Hilliard Ensembles“ (das sich 2014 aufgelöst hat) und der „King’s Singers“.-

   In den ersten Teil des Programms haben sie als europäische Erstaufführung die „Lamentations“ eingebaut, die der 1970 geborene Brite Andrew Smith unter dem Eindruck der Pandemie und des Krebstodes seines Vaters für sie komponiert hat. Er schreibt die Tradition der alten Musik fort, angereichert mit zeitgemäßen Disharmonien; Schmerz und Leid werden zu Klang.

   Nach der Pause widmet sich das Quartett nach einigen alten und zwei zeitgenössischen Mariengesängen von John Tavener und Michael McGlynn sowie „The Last Invocation“, das der US-amerikanische Komponist Paul Moravec für die Polyphonys geschrieben hat, überwiegend Musik des 20. Jahrhunderts. Darunter „Don’t wait too long“ von Irving Berlin und „I never knew“ des Jazzpianisten Ted Fio Rito. Bei Letzterem darf es sogar ein bisschen “Dadadawa” sein – natürlich ganz seriös. Da hätte man sich tatsächlich einmal etwas weniger ausgefeilten Wohlklang gewünscht. Der in William Henry Monks bekanntem britischem Abend- und Sterbelied „Abide with me“, mit dem sich das Ensemble verabschiedet hat, wiederum völlig angemessen gewesen ist.

 

Wolfgang Nußbaumer  

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