Seebeben und Tsunami haben vier von sechs Kraftwerksblöcken in heftig und dauerhaft strahlenden Industrieschrott verwandelt. Über 18.000 Menschen kamen ums Leben. Viel Stoff zum Nachdenken über die Folgen von Hybris. Bei Roland Schimmelpfennig ist daraus ein Schauspiel geworden: „An und Aus“ – ein Spiel mit dem Schalter. Zu verfolgen im Stuttgarter Schauspielhaus.
Wie auf dem im frühen 19. Jahrhundert entstandenen ikonografischen Holzschnitt „Die große Welle von Kanagawa“ des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai spannt sich eine riesige weiße Papierbahn diagonal über die Bühne. Eine Frau schreibt darauf „Fukushima 11.3.2011“; der Tag der Katastrophe. Von da an legt die Inszenierung von Burkhard C. Kosminski häufig den Schalter um.
Hausumrisse werden auf das Papier gezeichnet, dann schneiden die Akteure Zugänge und Fenster hinein. Der dünne Stoff wird zur Behausung. Eigentlich zu drei Zimmern eines Hotels, in denen sich drei Paare jeweils montags zu Affären treffen. Ein junger Mann mit Brille an der Rezeption (sehr sympathisch Sven Prietz) beschreibt das Treiben, wenn er gerade nicht mit seiner Freundin, dem „Mädchen mit dem Fahrrad“, oben auf einem Berg telefoniert. Oder auf dem Boden liegende quadratische Papier symbolträchtig bemalt.
So weit, so gut. Was will uns der Dichter mit dieser Konstellation sagen? Vordergründig schildert er in surrealen Bildern die fatalen Folgen des Supergaus für die Menschen. Sie verwandeln sich in „Die Frau mit zwei Köpfen“ (Katharina Hauter), in den „Mann ohne Mund“ (Michael Stiller), in „Die Frau aus Stein“ (Evgenia Dodina), in den „Mann mit dem brennenden Herzen“ (Gábor Biedermann), in „Die Motte“ (Therese Dörr) und in „Der tote Fisch“ (Sebastian Röhrle).
Die Inszenierung verfährt nicht chronologisch. Sondern in Traumgeburten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler erzählen, was in den Figuren vorgeht, was sie umtreibt. Das hat durchaus komödiantische Züge, wenn Katharina Hauter plastisch das Eigenleben ihrer Köpfe schildert. Oder wenn sie nach getanem Seitensprung auf dem Heimweg ihre jeweiligen Partnerinnen und Partner treffen. Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Das Gespinst aus Lügen hält natürlich nicht. Weshalb die immer wieder getroffene Feststellung „und das Licht geht aus“ als roter Faden die Erosion des schönen Scheins begleitet. Sie gipfelt in der Zerstörung der Papierbahn, die das Sextett der Enttarnten und Getäuschten in einem Origamiexzess noch in Fetzen reißt. Um es sich dann darin gemütlich zu machen.

Anne-Marie Lux und Sven Prietz genießen den Regen aus Papierschnipseln, während sich unter ihnen die Welt dreht. Schnee von gestern?
Dazu spielt Anne-Marie Lux am Klavier den „Flohwalzer“. Sie hat zuvor schon musikalische Akzente gesetzt. Und mit starker Stimme aufhorchen lassen, mit der sie eine unglücklich endende Parabel von einer Biene und einem Walfisch erzählt. Beider Reviere sind für den andern nicht geeignet. Dann regnen vom Bühnenhimmel Papierschnipsel wie Rußflocken und alle machen sich vom Acker. Evgenia Dodinas „Frau aus Stein“ rollengemäß in distanzierter Kühlheit, als ob sie froh sei, das ganze Theater endlich hinter sich zu haben. Das Mädchen fängt noch einen Papierschnipsel auf, nachdem es als positives Signal noch seinen Freund in die Arme geschlossen hat.
„Alles tot“. Nur die mit den Schnipseln bedeckte Bühne dreht sich noch im düsteren Grau des leeren Raumes zum anwachsenden Dröhnen des heranrauschenden Tsunamis.
Info: Nächste Aufführungen 14./15./20./22.11./3.12.; www.schauspiel-stuttgart.de
Wolfgang Nußbaumer
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