Das Drama als Augenschmaus

01. Nov. 2021

   Die Musik des englischen modernen Komponisten, sie hatte er gesucht, um das Projekt adäquat umsetzen zu können. Zu dessen Klängen hat das Publikum eine in ausgefeilter Körpersprache vorgetragene, eminent spannende historische, aber in das Heute weisende, Erzählung erlebt. Zum Augenschmaus tragen wesentlich die starken Farbkontraste der Garderoben bei, die das Tanzgeschehen zusätzlich akzentuieren.

   Zunächst müssen Hamlet (Alexandr Trusch) und sein Freund Horatio (Nicolas Gläsmann) die Schulbank drücken. Unter den Augen des strengen Lehrers Polonius (Louis Haslach, ehrfurchtgebietend groß, hager, ganz in schwarz). Vor allem die dänische Geschichte, in die Neumeier Aspekte aus den „Gesta Danorum“, dem von Saxo Grammaticus verfassten Epos über den Dänenkönig Amleth implantiert hat, fordert ihre Fantasie heraus. Einmal Prinz sein, einmal dessen Freund. Das Spiel auf der von Klaus Hellenstein mit wirkungsvoll drapierten und beleuchteten Stoffbahnen eingerichteten Bühne beginnt. Und was für eines. Horatio wird es im weiteren Verlauf per Mikrofon kommentieren.

   Am Anfang war der Krieg. Gegen Norwegen. Angeführt von den beiden Brüdern Fenge (Matias Oberlin) und Horvendel (Marc Jubete), schlagen die Dänen den Feind aus dem Norden in die Flucht. Viel virtuoses Schlachtgetümmel auf der Bühne. Beiden Anführern hat die schöne Geruth (Yaiza Coll) jeweils ein Band mit auf den Weg gegeben als Zeichen ihrer Unterstützung. Dem Sieger will sie sich vermählen. Pech, dass ihr Herz für Fenge schlägt; denn dessen Bruder befördert den norwegischen König Koller (Lizhong Wang) ins Jenseits.

   Die Hochzeit wird prunkvoll gefeiert; statt dynamisch springender Soldaten gemessen schreitende Gäste und drei formidable Hofdamen. Als deren Pendant treten immer wieder drei artistisch agierende Gaukler in Erscheinung, die Hamlet zwischendurch unter ihre Fittiche nehmen. Weil Unheil immer wieder neues Unheil gebiert, fängt Geruth nicht nur eine Affäre mit Fenge an; folgerichtig sammelt auch Kollers Sohn Fortinbras (ebenfalls Lizhong Wang) eine Streitmacht, um den Tod seines Vaters zu rächen. Im Wortsinne sprunghaft wächst sie an. Fahnen schwingend springen Soldaten über die Bühne, auf der kontrastierend reglose Körper liegen.

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Unter den Augen von Polonius (Louis Haslach) finden sich Ophelia (Emilie Mazon) und Hamlet (Alexandr Trusch) zu einem Pas de deux.

 

   Davon weiß Hamlet natürlich nichts. Der aufgeweckte Jungspund verliebt sich in die federleicht dahinschwebende Ophelia (Emilie Mazon), will aber dennoch im Ausland studieren. Davon lässt er sich auch durch das noch so zärtlich süße Miteinander nicht abbringen, mit dem sie ihre Liebe voller Anmut austanzen. Zur Beerdigung seines Vaters nach Hause zurückkehrt, platzt er in die Vorbereitungen der Hochzeit seiner Mutter mit Fenge.

   Das Desaster ist programmiert. Beim Besuch am Grab seines Vaters fordert der ihn auf, seinen Tod am Mörder Fenge zu rächen. Das stürzt den jungen Mann sichtlich in Verwirrung. Nicht mal von Ophelia will er noch etwas wissen. Woraufhin diese den Verstand verliert über die Bühne irrt und sich ertränkt. Auf diese auch optisch schmerzhafte Szene hin wird die Bühne zum Tribunal. Zusammen mit den drei Gauklern inszeniert Hamlet die bekannte entlarvende Theaterszene – und dann geht’s nochmals rund. Alles andere als ein Pas de deux, dieses Duell, das sich Hamlet Alexandr Tusch und Felge Matias Oberlin liefern, sondern explosives Hauen und Stechen zweier Springteufel voller Adrenalin.

   Zwar dominiert in Neumeiers Inszenierung nicht die Emotion über die Perfektion; ihren gewichtigen Anteil an deren Attraktivität hat sie jedoch mit Sicherheit. Tröstlich endet dieser von Liebe, Lust, Leid und diversen Rankünen erzählende Tanztheaterabend wie er begonnen hat. Im Klassenzimmer. „Gute Nacht, liebster Prinz“, steht im Programmheft. War ja alles nur Spiel.  Sein oder Nichtsein war nie die Frage.

Wolfgang Nußbaumer

(02.11.21)    

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