Poesie im Raum

29. Okt. 2021

   Sein Personal hat zwar etwas Somnambules an sich, aber „frischaufgeblüht“? Da begleitet das Quartett doch ein kräftiger Schuss Ironie durch die Zitatensammlung des Dichters, der als vermeintlich Wahnsinniger 1843 in seinem Turmzimmer in Tübingen gestorben ist.

   Wie immer illustriert Marthaler in seiner Musiktextcollage nicht den Inhalt, sondern setzt diesen in Aktion um. Josefine Israel, Sasha Rau, Lars Rudolph und Samuel Weiss tragen wieder Stühle umher, wenn sie nicht gerade darauf sitzen; umrunden wie ein perpetuum mobile Instrumentenkästen, die von der Form her ein Horn beherbergen müssten, stehen da mit Violinen am Hals – doch ohne Bogen.

   Der Streicher Martin Zeller und Bendix Dethleffsen an den Tasteninstrumenten halten auf der von Duri Bischoff eingerichteten Bühne die Vier mit Musiksplittern von J. S. Bach, L. v. Beethoven, Sergei Rachmaninow, Franz Schubert, Robert Schumann und Carl Maria von Weber fast zeitkonform in Bewegung. Manchmal läuft die Musik aus dem Ruder, schwappt in Dissonanzen über. Läuft aus dem Ruder wie das poetische Geschehen. Plötzlich gehen nicht nur Stühle zu Bruch. Tische auch und Geigen. Nur die beiden Trompeten nicht, in die Josefine Israel und Lars Rudolph pusten wie in die Posaunen von Jericho, während sie das Blech gegen die Betonwand pressen. Sie bleibt auch stehen. Etwas Halt muss sein in dieser brüchigen Hölderlinwelt.

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Ducken sie sich weg vor dem Leben, sind sie auf der Suche nach der verlorenen Zeit? Oder studieren sie gerade Hölderlintexte?

 

   Neben den Stühlen und einer alten Schulbank sind die schwarzen Hornkästen auf der Spielfläche verteilt. Symbole für die Musikalität in der Poesie des Dichters? Jedenfalls kann man sie geöffnet auch als Lesepulte verwenden, aus denen die Akteure dann und wann Dichterworte rezitieren als wenn sie Geheimnisse verrieten. Nur ein Behälter bleibt ungeöffnet. Dessen Inhalt erschreckt Lars Rudolph, der in seinem blauweiß karierten Pullunder den etwas tollpatschigen Verlierertyp gibt, fast zu Tode. Schlägt doch in diese fiktionale Poetenwelt ein real golden blitzendes Horn ein wie der Meteor in die Erde. Eines von Marthaler mit seinem ausgeprägten Gespür für die Ironie des Gegenstands gesetzten Aperçus.

   Ja, Hölderlin wurde auch gesprochen. Mal monoton, mal mit Verve, mal spastisch herausgepresst, mal als zwanghafte Wiederholung. Wie es die Verfassung des vom Alltag gebeutelten Poeten gewesen sein könnte, als er über die allgemeinen Zustände räsonierte, die hier zur Sprache gekommen sind. Lars Rudolph könnte als dieser Hölderlin gemeint sein, den die drei andern immer wieder abfahren lassen. Außer, wenn sie zusammen singen. Dann zeigt sich eine berührende Seelenverwandtschaft.

   Textlich mag der große Dichter vielleicht zu kurz gekommen sein; dafür erweist sich diese Inszenierung selbst als ganz viel Hölderlin. 

 

Wolfgang Nußbaumer      

    

    

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