Wie die Stasiarchive. Voll von verfolgten, beobachteten, inhaftierten, gefolterten, toten Menschen. Ein Archiv dominiert auch den Spielraum der Stuttgarter „Kammerspiele“. Vor und in diesem in einem Stahlgerüst einsortierten Archiv begibt sich ein deutsch-mexikanisches Ensemble auf Spurensuche.
Doch wonach? Nach den Studenten, die mit ihrem Bus einfach verschwunden sind? Entsorgt von Soldaten. Das wäre zu einfach. Es geht in dieser von verschiedenen Institutionen geförderten deutsch-luxemburgisch-mexikanischen Koproduktion um weit mehr als nur um physisches Verschwinden, wie es nicht nur in Mexiko an der Tagesordnung ist. Es geht um – ja was nun? Um das „Verschwinden als ästhetisches Prinzip“, wie es der für den Text und die Inszenierung verantwortliche und mehrfach ausgezeichnete österreichische Dramatiker Thomas Köck formuliert. Also um eine theoretisch-philosophische Frage.
Nun ist es ja gerade eine, wenn nicht die wichtigste Aufgabe des Theaters, solche Fragen und mögliche Antworten in Szene zu setzen. Und damit kommen wir zu einer brachialen Bauchlandung. An diesem Stück und seiner Inszenierung stimmt wenig. Statt dramatischer Entwicklung erlebt das Publikum ein Hin und Her von pseudophilosophischem Geschwurbel und Krawall. Kistenschlacht statt Diskurs.

Sechs Kisten werden permanent umeinander geschoben, geworfen, drapiert; als Särge, Schränke, Stelen um der Stele willen, aufeinander gepackt als Projektionsfläche für Videoschnipsel. Manchmal tragen die vier Protagonisten Masken. Um die individuelle Erscheinung optisch ins allgemein Gültige zu überhöhen? Gleich zu Beginn spielt in einem auf das Archivgestell projiziertem Video eine Frau mit zwei Masken. Sozusagen als Vorspruch auf dem Theater gibt sie die Richtung der kommenden drei Akte vor. Doch welche?
Durch sie hindurch mühen sich Bernardo Gamboa und Micaela Gramajo aus Mexiko körpersprachlich präsent, der Luxemburger Timo Wagner und seine deutsche Kollegin Annina Walt eher als sprechende Pappfiguren. Und dann fährt da noch ein Filmteam auf der Suche nach den Waffen, die das Unternehmen Heckler & Koch nach Mexiko geliefert hat, im Video durch Stadt und Land. Ohne Erfolg. Natürlich.
Statt diskutablen Regieeinfällen regiert in dieser Inszenierung der Holzhammer als Instrument pädagogischer Vermittlung. Man hat sich bemüht. Dem im Programmheft wortreich postulierten Anspruch indes wird die Umsetzung auf der von Daniel Primo eigentlich spielstark eingerichteten Bühne nicht gerecht. Lassen wir einem das letzte Wort, der weiß, wie Theater funktioniert – William Shakespeare: „Viel Lärm um nichts“.
Wolfgang Nußbaumer
0 comments