Am Tag der deutsche Einheit hat er damit den Faden weit über die Region hinaus gesponnen. Der KuBAA wiederum hat das Potenzial dazu, ebenfalls weit über die Kreisgrenzen hinaus zu strahlen. Als rundum gelungenes Bauwerk, als Heimat der Künste, indem er neben der Musikschule und ihrem Ballett das „Kino am Kocher“ und das Theater der Stadt Aalen beherbergt – und als ökonomisch zweckfreier Ort der Begegnung und der Kommunikation.
Rund 26 Millionen Euro hat der Um- und Ausbau des einstigen Bahnausbesserungswerkes gekostet. Gut angelegtes Geld mit Mehrwertgarantie. Zumindest hat das Eröffnungswochenende nach zweijähriger Planungs- und dreijähriger Bauzeit diesen Eindruck erweckt. Ein Solitär, der allerdings von Bahngleisen auf der einen Seite und ziemlich nahe stehenden uniformen Wohnhausklötzen auf der Hirschbachseite gerahmt wird. Diese wiederum bedingen die 50 Mio Euro, die bislang in das Stadtoval geflossen sind. Ob tatsächlich Rötenberg, Galgenberg und Hirschbach, wie OB Thilo Rentschler visionär sagte, mit diesem Areal „nach 160 Jahren Trennung“ zusammenwachsen, wird die Zukunft lehren. Nehmen wir die „Friedenstaube“, die über die Köpfe geflattert ist, als gutes Zeichen.
Der Aufbruch in diese Zukunft hinein war jedenfalls aller Ehren wert. Dem Anlass entsprechend, wimmelte es noch von VIPs von Bundes- bis auf lokale Ebene. Normalbürgerinnen und -bürger konnten den KuBAA am Sonntag unter die Lupe nehmen. Sie dürften sich gut verteilt haben, denn das Bauwerk mit seinen hohen Hallen im Erdgeschoß bietet viel Platz, um sich auszubreiten. Das gilt für den Veranstaltungssaal, den die noch nicht ganz in Stand gesetzte Orgel aus der Markuskirche dann und wann bespielen wird, ebenso wie für das geräumige Foyer mit der längsten Bar der Stadt. Zwar ist die Orgel am Freitag dennoch eingeweiht worden – Kirchenmusikdirektor Thomas Haller musste jedoch, begleitet von der Saxofonistin Daniela Müller mit bemerkenswert sattem Ton und Anne Haller an der Cajón, bei „Take five“ von Paul Desmond, auf einem transportablen Gerät in die Tasten greifen. Gefallen hat es der Gästeschar dennoch.

Ulik Robotic wirbelt Trommel wirbelnd vor dem KuBAA durch die Luft.
Dass Aalen für eine lebendige Stadtentwicklung steht, die von der wirkungsvollen Verwendung von Sanierungsmitteln und den Möglichkeiten der Städtebauförderung kündet, konnte Regierungspräsident Wolfgang Reimer nur bestätigen. „Das ist klassische Quartiersentwicklung at its best.“ Ohnehin passiere im Ostalbkreis sehr viel auf allen möglichen Feldern, lobte er.
Für den „geistlichen Impuls“ und die Verteilung von reichlich Weihwasser waren der evangelische Dekan Ralf Drescher und Pfarrer Wolfgang Sedlmeier zuständig.
Als Motto für die Eröffnung am Samstag bemühte OB Rentschler den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Also keine virtuelle, sondern die direkte. Sie ist durch das übliche Eröffnungswunder möglich geworden. Denn am Donnerstag sah der KuBAA nicht nur so aus, wie eine Baustelle. Klar, dass Rentschlers Dank allen am Bau beteiligten Menschen galt, von den Architekten bis zur Endreinigung. Der Kulturbahnhof ist indes nur ein Meilenstein, wenngleich ein wichtiger, in der Stadtentwicklung. Alle derzeit bekannten Bauprojekte addieren sich nach den Worten des Obs auf rund 2 Mrd. Euro. Ein erheblicher Teil dieser Summe werde in das Stadtoval investiert. Ein anderer in die Infrastruktur der Hochschule. Kein Wunder, dass Rentschler resümiert: „In Aalen schlägt das vitale Herz der Region.“ Sinnbildlich dafür stand die elektrisierende Trommelwirbelshow „Mensch-Maschine-Kunst“ mit dem Performancekünstler Ulik Robotric zu Beginn auf dem Platz vor dem Gebäude.
Oder wie Landrat Bläse im neuen Theatersaal mit Blick auf künstlerisches Schaffen und dessen Bedeutung für den Arbeitsmarkt bestätigte: „Kultur ist heute einer der zentralen Standortfaktoren im Ostalbkreis.“
OB Rentschler spannte den Bogen wiederum in die politische Dimension: „Kultur ist auch so etwas wie fleischgewordene Menschenrechtspolitik.“ Den Freiraum für Künstler, Kulturschaffende und für alle frei denkenden Menschen garantierten nur Staaten mit einer lebendigen demokratischen Verfassung. Im Artikel 5, Absatz drei des deutschen Grundgesetzes ist er festgeschrieben: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“
Da sich dieser Freiraum in der Architektur des KuBAAs mit dem ihm immanenten freiheitlichen Geist verbindet, ist er auch ein Symbol für die Menschenrechte. Sie werden gerade von Kunstschaffenden häufig hochgehalten, nicht selten unter widrigen bis lebensgefährlichen Umständen. Daran hat auch die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, die Bundestagsabgeordnete Dr. Bärbel Kofler erinnert. Geistige Freiräume seien ganz wichtig, um Veränderungsprozesse entwickeln zu können und diese möglichst global ausgewogen zu gestalten. „Eine großartige Einrichtung“, kommentierte sie deshalb den Bau des Kulturbahnhofs.
Für dessen Nutzer hat Musikschulleiter Chris Wegel sich in Worten und mit einem Quartett und „bunten“ Klezmerklängen musikalisch bedankt. Zuvor hatte Architekt Hellmut Schiefer die Baugeschichte und deren Herausforderungen Revue passieren lassen, der Schlüssel wurde übergeben – und „Herrn Stumpfes Zieh & Zupf Kapelle“ erdete den Festakt mit frischfrechem Liedgut. Ihr Vorsänger „Flex“ Flechsler hatte zuvor schon durch das Programm geführt.

Romeo und Julia (Manuel Flach und Julia Sylvester) mit dem Ballett der Musikschule.
Dann gehörte die Theaterbühne wieder den Theatermachern. Für den Shakespeare-Klassiker „Romeo und Julia“ haben sie sich mit dem Urban Dance Team von Keraamika und einer Ballettklasse der Musikschule zusammengetan. Die beiden Tanzteams paraphrasierten in ausgeklügelter Choreographie zur akkuraten Musik von Mona Weingart (Akkordeon) und Prof. Bernd Brunk (Percussion) das tödliche Schicksal des Liebespaares (Julia Sylvester und Manuel Flach) vor dem Hintergrund der Feindschaft ihrer adeligen Elternhäuser. Ein sinnfälliger Regieeinfall von Tina Brüggemann. Ohnehin hatte sie das Stück eher mit Augenzwinkern inszeniert, als mit dramatischer Emphase. Das Publikum dankte es mit herzlichem Beifall.
Wolfgang Nußbaumer
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