Verwöhn-Kult

06. Juni 2017

„Verwöhn den Kerle net!“ wies Mama die Oma zurecht, wenn diese dem Kleinen einen Schokoladenriegel zuschob. Verwöhnen war eindeutig negativ besetzt. Verwöhnte Kinder wuchsen nach herrschender populärpädagogischer Lehrmeinung zu unausstehlichen und/oder lebensuntüchtigen Erwachsenen auf. Enkel zu verwöhnen war schon immer das Privileg von Großeltern. Gerade in schlechten Zeiten. Überraschenderweise sind aus ihnen meist recht ordentliche Leute geworden.

   In guten Zeiten wird offensichtlich verwöhnt, was das Zeug hält. Vom Friseur, vom Möbelhändler, von Damen, die sich einladend räkeln; Wirte verwöhnen mit Wurstsalat, Landfrauen mit Hitzkuchen, der Gesangverein mit Gesang, Schnitzel und Kartoffelsalat, die Biene mit Honig, die Masseuse mit dem heißen Stein, das Windrad mit Strom, die Natur mit Natur und die Zugspitze mit Aussicht. Warum diese Verwöhninflation? Weil es zu viel vom Guten gibt? Nein, gut als Qualitätsmerkmal spielt keine Rolle in diesem Tanz ums goldene Verbraucherkalb. Verwöhnen ist nicht mehr als ein Verkaufsargument im grassierenden Wellnesswahn. Die Pfauenfeder der Wohlstandsgesellschaft. Mit ihr haben sich die alten Römer im Schlund gekitzelt, wenn nichts mehr runterging. Seien Sie unbescheiden. Lassen Sie sich nicht verwöhnen. Es wird Ihnen guttun.

-uss

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