Vielfarbig unterwegs auf neuen Wegen

10. Sep. 2024

   Es ist vielfarbig und durch und durch von hoher Qualität geprägt.

   Ein erstes Ausrufezeichen setzt das große Orchester mit Anton Bruckners Symphonischem Präludium. Zeitlich in der Romantik verortet, steht es zwar in der Tradition der Wiener Klassik; klingt jedoch völlig eigenständig. Ein Monolith. Kraftvoll, wuchtig, voll Emphase. Überliefert ist es durch eine Abschrift des Bruckner-Schülers Rudolf Krzyzanowski. Musikalisch ist es das glatte Gegenteil zum grüblerischen introvertierten Charakter seines Schöpfers, der vor 200 Jahren das Licht der Welt erblickt hat.

   Romantik pur erlebt das trotz der Konkurrenz durch die Fernsehübertragung eines Konzertes mit dem Stargeiger André Rieu auf SWR zahlreiche Publikum mit dem Flötenkonzert in D-Dur des Brucknerzeitgenossen Carl Reinecke. Er hat es hochbetagt erst 1908 komponiert.

   Technisch perfekt und nuanciert modelliert, interpretiert es die 21 Jahre junge Svenja Müller. Die große schlanke Frau mit einer endlos lang herabfließenden kastanienbraunen Haartracht hat ein Heimspiel. Sieben Jahre alt war sie, als sie an der Städtischen Musikschule Schwäbisch Gmünd die ersten Flötentöne dem filigranen Instrument entlockt hat. Jetzt turnt sie souverän und auswendig durch das dreisätzige Werk.

 

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   Uwe Renz wahrt mit seinem klaren Dirigat die Balance zwischen dem großen Sinfonieorchester und der feinen Diktion der Flöte. Nicht zuletzt aus dem Gegensatz zwischen orchestralem Volumen und geschmeidiger Flötenkantilene erwächst die innere Spannung des Stücks. In einer Zugabe verwandelt Svenja Müller die feine Traversflöte in eine rotzig dreckige Töne fauchende Tröte aus der Feder des britischen Flötengurus Ian Clarke. Sie kann also auch anders.

   Neue Wege beschreitet der Dirigent mit der unbeantworteten Frage, „The Unanswered Question“, des US-Amerikaners Charles Ives. Dieser hat das intellektuelle Werk schon zwei Jahre vor Reineckes Flötenkonzert geschrieben. Ives versucht musikalisch die Seins-Frage zu stellen. Mit dem Streicherchor als dezent gesponnenem Klangteppich, in den ein an der Saalseite positionierter Solotrompeter und zwei Klarinetten sowie zwei Querflöten ihre Dissonanzen hineinschneiden. Bewundernswert, wie die Geigerinnen und Geiger diese harmonische Basis zu Beginn hyperlangsam und dabei makellos klangsauber schaffen.

   Wer es harmonisch mag, mit viel Gefühl und melodischem Esprit, kommt in Franz Schuberts Sinfonie in H-Moll auf seine Kosten. Warum die beiden so vollendet wirkenden Sätze als „Die Unvollendete“ in die Musikgeschichte eingegangen sind, weiß niemand so genau. Schön ist sie mit ihrem Melodienreichtum, ihrer dynamischen Achterbahn im ersten und dem zauberhaften Andante des zweiten Satzes auf jeden Fall.

   Für den hochverdienten Beifall revanchiert sich die JPO mit einem Hauch Wiener Neujahrskonzert; der flotten Polka „Auf Ferienreise“ von Josef Strauss mit zünftigen Rufen. 

Wolfgang Nußbaumer 

(10.09.2024)

         

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