Tief berührendes Psychogramm

10. Feb. 2026

   Mit der Dramatisierung des Romans „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle ist der Regisseurin Lucia Bihler am Schauspielhaus Stuttgart ein ganz großes Kunstwerk gelungen.

   Die Inszenierung ist das eine, deren Umsetzung auf der Bühne das andere. Der Sound von Sixtus Preiss, das Licht von Felix Dreyer, das Bühnenbild von Paula Wellmann, die Kostüme von Victoria Behr und die Choreografie der Figuren von Björn Leese fügen sich zu einem Stück der ungemein starken Bilder zusammen. Zu einem visuellen Ereignis. Mittendrin als Gravitationspunkt, um den sich alles dreht, die Schauspielerin Paulina Alpen.

   Sie hat schwer zu tragen. Physisch und psychisch. Wie sie in die Rolle des Autors Melle schlüpft, der in seinem Buch seine eigene bipolare Störung thematisiert, also den permanenten Wechsel zwischen Phasen des Hochgefühls, in denen man die Welt umarmen möchte und tiefster Ausweglosigkeit, nimmt auch die Zuschauerin und den Zuschauer psychisch mit. Victoria Behr hat ihr ein wahres Atlasgebirge auf den Rücken gepackt; ein Symbol für die innere Zerreißprobe, der sie dauernd ausgesetzt ist. Ob sie die Welt schon hinter sich gelassen hat? Nicht mehr dazu gehört? Ausgegrenzt durch ihre Krankheit? In ihrem Gefühl, ja! „Ich möchte Ihnen von einem Verlust berichten“, sagt sie den Menschen vor ihr. Verloren hat sie ihre Bibliothek. Für jemand, der sich mit Schreiben im Leben hält, ein herber Verlust. 

   Rotes Wams, rote kurze Hosen, lange weiße Stiefel, so tritt Paulina Alpen vor das Publikum. Hinter ihr erhebt sich der in barocken Faltenwurf gelegte rosarote Bühnenvorhang. Rosarot, die blanke Ironie. Weil Melles Welt nicht rosarot ist. Sondern ekstatisch feuerrot, oder nachtschwarz. Später wird sie diesen Vorhang herunterreißen in den dunklen Schlund der kargen Bühne. Ironie taugt hier nicht zum Erkenntnisgewinn. Nur eines dieser starken Bilder, die visuell dieses Auf und Ab zum schlüssigen Ausdruck bringen.

   Der Vorhang gibt einen großen Sessel frei, in den sie sich hineinkuschelt. Er ist überdimensioniert wie die großen Plastikboxhandschuhe, die sie sich noch überstreifen wird, um sich in der Welt, gegen die Welt zu behaupten. Die Welt ist letztlich immer zu groß. „Ich bin hier!“ stellt sie selbstbewusst fest, um sich eine Sekunde später von diffusen Geräuschen erschreckt in sich selbst zurückzuziehen. Schlechte Entscheidung, denn dort ist das Nichts. Paulina Alpen verkörpert diese wechselnden Zustände mit einer unglaublichen Intensität. Sie nimmt einen unaufhaltsam hinein in ihr aufgewühltes Gemüt.

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Die Doppelgänger holen Aspen/Melle von ihrer manisch-messianischen Himmelfahrt auf den Boden der Wirklichkeit zurück.

 

    Für entspannende Momente in diesem psychischen Desaster sorgen ihre sechs Doppelgänger in Gestalt von Tim Bülow, Pauline Großmann, Felix Jordan, Mina Pecik, Karl Leven Schroeder und Silvia Schwinger. Wie sie nach und nach pantomimisch durch eine Drehtür purzeln und sich hinter einem Mikrofon aufbauen, oder mit großen Augen unter dem Vorhang durchschielen, hat eine hohe Spaßkomponente. Sie sind auch dabei, wenn Alpen/Melle wie ein Messias von einem Podest zum Bühnenhimmel schwebt, sich in grüner Maske wie ein Aztekenherrscher in einen Mantel aus bunten Federn hüllt, sich die besagten Boxhandschuhe überzieht, mit einem Baseballschläger die bösen Geister bekämpft, und im Dauerlauf vor sich selbst wegläuft.

   In einem Akt großer Aggressivität demoliert sie mit dem Schläger noch Teile der Bühneneinrichtung, bevor sie zusammenbricht. Sie kriecht dann in ihr dickes Wams und die Boxhandschuhe, setzt sich hin – ein Haufen Elend. „Ich bin eine Katastrophe“, stellt sie fest. Inzwischen haben sich ihre Doppelgänger vom Acker gemacht.

   Aspen/Melle tritt am Ende vor den Vorhang, zieht Bilanz und legt lakonisch ihre Perspektiven dar. Keine! Alles wird sich wiederholen. Ein tieftrauriger Abend, der trotz aller Tragik nicht hoffnungslos erscheint. In der Erkenntnis glüht ein Funken Hoffnung. Langer und verdienter Beifall.

   Info: Nächste Aufführung am Samstag, 7. März, 19.30 Uhr; www.schauspiel-stuttgart.de

 

Wolfgang Nußbaumer   

(10.02.2026)     

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