Die Dramatisierung von Lion Feuchtwangers umfangreichem Roman „Exil“ durch den Regisseur Luk Perceval und die Dramaturgin Sibylle Baschung reflektiert das Leben des Komponisten Sepp Trautwein fern der Heimat München. Heimatlos ist er in seinem Schaffen. Diesem bayerischen Kraftpaket, dem Oliver Kraushaar mit seinem sonoren Bass differenzierte Gestalt gibt, fällt nichts mehr ein. Grübelnd sitzt er auf einem Stuhl vorne an der Bühnenrampe. Man sieht förmlich, wie die Zeit fortschreitet. Ein dann und wann im Hintergrund tickendes Metronom verstärkt diesen Effekt.
Doch Trautwein muss liefern. Musik komponieren gegen die braunen Handlanger des Naziregimes, die ihn und seinesgleichen auch in der französischen Hauptstadt belauern. Wie der aalglatte und tückische Walter von Gehrke, genannt „Spitzi“, den in der von uns besuchten Vorstellung Sebastian Zimmler für den erkrankten Peter Moltzen facettenreich verkörpert hat. Der Zahnarzt Dr. Wohlgemuth richtet ihm unterkühlt für teures Geld die vorstehenden Zähne. Martin Rentzsch zeigt seine Wandlungsfähigkeit noch in zwei weiteren Rollen. Besonderen Reiz gewinnt die Besetzung des „Spitzi“ aus einem enormen Kontrast: Zimmler spielt auch noch den jüdischen Journalisten Friedrich Benjamin, der sich in der Schweiz einen Pass besorgen und einen Informanten treffen möchte. Eine Falle. Nazis verschleppen in nach Deutschland.
Wie soll man dieser Gewalt begegnen? Wieder mit Gewalt? Trautweins Sohn Hanns (Jonathan Kempf) geht in die Sowjetunion, weil er in ihr den kämpferischen Gegenpol zum Nationalsozialismus sieht. Es ist eine der zentralen Fragen, die in dem Stück verhandelt werden. Hilft gegen Gewalt nur Gewalt, oder gibt es auch andere Methoden? Kann man ihr Kunst entgegensetzen?
Im Irrgarten der Stühle tummeln sich Böse und Gute, Dogmatiker und Pragmatiker, Opportunisten und Idealisten. Ein besonders windiger Charakter ist bei Marc Oliver Schulze bestens aufgehoben. Der nationalsozialistische Journalist Erich Wiesener. Souveräner Macher, nassforsch, sich windend, wenn ihm eine Sache zu heiß erscheint und rücksichtslos im Umgang mit seinem Sohn Raoul de Chassefiere – neben Pauline Knof und Oliver Kraushaar ist Schulze die dominierende Figur. Seine Partnerin, die „Vierteljüdin“ Lea de Chassefiere fängt ein Techtelmechtel mit einem Nazifunktionär an, weil der wenigstens ist, wie er ist. Später wird sie Wiesener, der die Exilszene und deren Zeitung, die „Pariser Nachrichten“, unterwandern soll, verlassen.

Viele Stühle – aber kein Platz zum Nachdenken.
Lily Epply konturiert Erna Redlich, die sich um den Komponisten kümmert, als Mauerblümchen, allerdings mit einem beharrlich soliden Kern. Dass er sie nach Hause, aber nicht nach oben in ihre Wohnung begleitet, ist einer der seltenen zarten Momente dieser Inszenierung – und ein Sieg der Vernunft? Oder der Treue zu seiner Frau Anna? Besoffen versucht er noch mit schrägen Gedichten bei ihr gut Wetter zu machen.
So oder so, es ändert nichts an der Tatsache, dass sich eben diese Anna von ihm vernachlässigt und nicht respektiert fühlt. Besonders übel nimmt sie ihm, dass er sie nicht über seine Entlassung aus der Redaktion der „Pariser Nachrichten“ durch den jüdischen Verleger Louis Gingold (Gerrit Jansen) informiert hat. Wo sie doch alles für ihn getan hat. Bis zur Selbstaufgabe. Was bleibt ist Enttäuschung, Ratlosigkeit, Verzweiflung, Einsamkeit, wie sie in einem dramatischen Monolog zum ergreifenden Ausdruck bringt. Dann bringt sie sich um.
Eigentlich wäre dieser Monolog ein guter Schluss gewesen. Warum der Regisseur dann noch Ensemble und Statisten in unterschiedlichsten Verrenkungen in Zeitlupe Stühle über die Bühne transportieren lässt, erinnert in seiner Absurdität an Ionescos „Stühle“. Oder sollen sie nochmals das Exil symbolisieren, bevor der Sepp Trautwein ein letztes Mal über die Zeit räsoniert. Immerhin hat er doch noch die „Wartesaal-Symphonie“ als politisches Manifest komponiert und somit Farbe bekannt. Der Vorhang fällt, und das Publikum hat reichlich Stoff zum Nachdenken, wie man selbst in vergleichbarer Situation handeln würde.
Wolfgang Nußbaumer
(12.01.2026)
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