Die jungen Tänzerinnen und ein Junge zeigen dann verschiedene Tanzelemente, bevor die Großen der Compagnie durch die Luft wirbeln. Sie demonstrieren, wie weit man mit Fleiß und Talent kommen kann. Weitere Klassen treten auf die Bühne, ein wahrlich stattliches Aufgebot.
„Unglaublich, was John Cranko in seinen nur zwölf Stuttgarter Jahren geschaffen hat“, rühmt Intendant Tamas Detrich den genialen Choreographen. Er habe das Stuttgarter Ensemble weltberühmt gemacht. Klar, dass sich zu dieser Gala 50 Jahre nach Crankos Tod einige seiner Spitzenkräfte wie Marcia Haydée, Birgit Keil und Egon Madsen eingefunden haben. Nur einer fehlt. Richard Cragun. Der langjährige Tanzpartner der Haydée ist 2012 gestorben.
Dieser über vier Stunden dauernde Abend steht natürlich ganz im Zeichen von John Crankos Arbeiten. Er beginnt mit dem Pas de deux „Hommage à Bolschoi“ mit dem kraftvollen Jason Reilly und der elegant-graziösen Elisa Badenes und endet mit den ergreifenden „Spuren“ – ganz großes Tanzschauspiel. Dazwischen darf sich das von Beginn an enthusiastisch applaudierende Publikum über eine Fülle von Preziosen aus der Werkstatt des magischen Innovators freuen. Abstrakte Choreografien und Teile aus Handlungsballetten wechseln sich ab, Komik und Tragik. Ein Fest der Körpersprache, die das Tanz-Alphabet von A bis Z durchbuchstabiert. Mit Duetten als Königsdisziplin, Pas de trois, und Ensembleauftritten in verschiedenen Konstellationen.
In „The Lady and the Fool“ streiten sich zwei Straßenclowns in Gestalt von Friedemann Vogel und Matteo Miccini herrlich verschmitzt um eine Rose. Anna Osadcenko und David Moore schreiten und springen in ihrer Interpretation von „Romeo und Julia“ unterm Bühnenvollmond die ganze große Bühnenfläche aus. Akrobatischen Ausdruckstanz zeigen Rocio Aleman und Marti Fernández Paixà zusammen mit Ensemblemitgliedern im dramatischen „Opus 1“, in dem Cranko das Leben wie in einem Zeitraffer ablaufen lässt. Einen anmutigen Traum in Weiß bieten acht Tänzerinnen und Tänzer im Pas de huit aus „Der Nussknacker“. Veronika Verterich und Marti Fernández Paixà verwandeln in drei Teilen Edvard Griegs sehnsuchtsvolle Musik „Aus Holbergs Zeit“ in kongenialen, anspruchsvollen Tanz. Pas de deux und das Solo in „Onegin“ sind mit Elisa Badenes, Friedemann Vogel und Gabriel Figueredo ideal besetzt.

Elisa Badenes vermittelt die unglaubliche Leichtigkeit des Fliegens in „Initialen R.B.M.E.“
Ansteckende Fröhlichkeit vermitteln Ruth Schultz, Farrah Hirsch, Aoi Sawano und Maceo Gerard als Gruppe und in diversen Soli zur Musik von Darius Milhaud in dessen „Salade“. „Der Widerspenstigen Zähmung“ betreibt das virile Sprungwunder Ciro Ernesto Mansilla als Petruchio mit Erfolg, als er mit Charme und Ausdauer Katharinas Widerstand bricht. Da mag Trotzkopf Agnes Su noch so mit den Beinen strabeln. Auch im dritten Satz der „Initialen R.B.M.E.“ zur Musik von Johannes Brahms reichen Elisa Badenes und Friedemann Vogel den Tanzenthusiasten wieder viel Augenfutter.
Chaplinesk beginnen die poetischen Impressionen aus „Brouillards“ nach der Musik von Claude Debussy mit Ciro Ernesto Mansilla, Matteo Miccini und Fabio Adorisio. „Die Feen sind exquisite Tänzerinnen“ beweisen Mackenzie Brown und Daiana Ruiz, während die „Schritte im Schnee“ von Rocio Aleman, David Moore und Clemens Fröhlich hingezaubert werden. In „Legende“ hat John Cranko an die russische Primaballerina Galina Ulanowa erinnert, die zum Vorbild für das westliche Ballett geworden ist. Bei der Gala erweist das Duett Anna Osadcenko und Jason Reilly ihr mit selbstbewusster Souveränität seine Reverenz.
Die „Spuren“ hat Intendant Tamas Detrich nach zehn Jahren für diese Gala als Finale wieder ins Programm aufgenommen. Sie handeln von einer Frau, die nach der Flucht aus einem autoritären Staat erst wieder zu sich selbst finden muss. Elisa Badenes verleiht ihr vielschichtig Gestalt. Friedemann gibt ihr als „Die Gegenwart“ Halt, während Marti Fernández Paixa als glatzköpfiger Finsterling „die Vergangenheit“ in diesem grandiosen Tanzschauspiel beängstigend präsent macht.
Am Ende sind die Menschen im ausverkauften Opernhaus von all den Tanzgeschichten, den Sprüngen, Pirouetten und Pas de deux etc. reich gesättigt. Zu ausgiebigem und von vielen Bravorufen begleitetem Beifall für die Tänzerinnen und Tänzer, die Heroen der Vergangenheit, die sich auf der Bühne eingefunden haben und das unter der Leitung von Mikhail Agrest und Wolfgang Heinz vorzüglich musizierende Staatsorchester hat es noch allemal gereicht. Berührt und gerührt sind am Ende alle. Die auf der Bühne und jene, die in den Stuhlreihen stehend klatschen. Auch für den innovativen Intendanten, dessen Bild erinnernd groß eingeblendet wird. Danke, John Cranko!
Wolfgang Nußbaumer
(03.07.2023)
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