Zuvor hat er enorm zupackend die Sitzreihen aufgemischt und zu gemeinsamem Geschrei animiert. Was für ein Spaß. Einfach mal zusammen sich den Frust aus dem Leib brüllen.
Vor zwölf Jahren ist er von zuhause weggegangen in die selbstgewählte Einsamkeit. Familie war für den schwulen Sohn zu viel geworden. Jetzt ist er zurück. Erkundet mit der Videokamera die von Jonathan Mertz akribisch genau eingerichtete und mit einer Fülle von Gegenständen aus der Vergangenheit eingerichtete Wohnung. Das dauert, sorgt für Aha-Erlebnisse und fördert Fundsachen aus der eigenen Erinnerung zu Tage. Vom Kassettenrecorder bis zu alten Fotos. Begleitet von Musik in Endlosschleife und Schlagwerk mit dem Komponisten Matze Pröllochs am Drumset.
Nach dieser Erkundungstour durch das kleinbürgerliche Einrichtungsmilieu verkündet der Schriftzug auf einer Videoleinwand „Pause“. Man dürfe gerne im Saal bleiben, meint der Schauspieler Benjamin Lillie, während die Bühnenarbeiter die Wohnung wegräumen. Nur einige Stellwände bleiben als Requisiten stehen. Schließlich muss man sich irgendwo anlehnen oder durch eine Tür gehen können. Ansonsten große Leere. Nach und nach wird sie in dieser von Christopher Rüping arrangierten Familienaufstellung nach einer Vorlage des an Aids gestorbenen französischen Autors Jean-Luc Lagarce personell, inhaltlich und emotional gefüllt. Nichts ist mehr lustig. Noch immer hat der Zurückkehrer – von Heimkehrer mag man nicht sprechen – die Videokamera in der Hand. Damit kann er Schwester, Schwägerin, Bruder und Mutter optisch ganz nahe kommen und wahrt gleichzeitig Distanz.
Dieser Benjamin, das wird in dieser Inszenierung zunehmend deutlich, ist ein Egomane. Er will sich nicht selbst auf die Schliche kommen, sondern letztlich sein familiäres Umfeld ergründen. Den Bruder, einen biederen Handwerker; die Schwägerin, eine einfache, gradlinige Frau; die Schwester, die kein Pubertier mehr ist; die Mutter freut sich anscheinend, dass er wieder da ist – um gleichzeitig zu erzählen, dass alle von hier weg wollen. Familie ist hier kein Ort der Geborgenheit, der Zuflucht. Wo Benjamin doch eigentlich zurückgekehrt ist, um mitzuteilen, dass er bald sterben muss.

Benjamin auf Erinnerungstour. Mit der Videokamera erkundet er die Wohnung, die er vor zwölf Jahren verlassen hat.
Im Kleinklein der versuchten Annäherung kommen die Fünf nicht über oberflächliche Phrasen hinaus, die indes dauernd aus dem Ruder laufen, weil das Wichtige nicht gesagt wird, die Frage nach der Verantwortung für das Funktionieren der Familie nicht beantwortet wird. Zunächst. Immer mehr wird schließlich mit jeder Umdrehung der Spannungsschraube an Enttäuschungen hochgespült.
Nils Kahnwald lässt als Bruder seine Aggressivität deutlich spüren. Während Benjamin sich vom Acker gemacht hat, musste er den Familienladen zusammenhalten, den er selbst gerne verlassen hätte. Wie er sich wie eine Zwiebel häutet, und sein Innerstes nach außen bringt, steht exemplarisch für die schauspielerischen Leistungen. Authentisch bis in die feinste Faser verkörpert Maja Beckmann die einfach gestrickte Schwägerin, die als einzige den emotionalen Durchblick hat. Wiebke Mollenhauer weiß als Schwester nicht so recht, was sie mit dem Bruder anfangen soll, versucht jedoch, ihm nahe zu kommen indem sie sich darauf einlässt, ihn mit der Videokamera zu filmen. Corinna Harfouch wiederum schaut ziemlich teilnahmslos ins Publikum, als sich Benjamin in ihren Schoß kuschelt. Was soll sie mit diesem Kind?
Der Fall ist klar. Dieser Sohn bringt nur Sand ins Getriebe. Deshalb gilt ihm weder Trost, noch Mitleid, noch Verständnis als er endlich mit der Wahrheit herausrückt. Am Ende schießen alle mit Aschekanonen aufeinander. Alles wird zu Asche, kein Ausweg. Ein Ende mit Schrecken. Und das Publikum? Das hat Benjamin mit seiner spielerischen Anmache zu Beginn bereits zum Teil der Großfamilie dieser interaktiven Aufführung gemacht. Da schaut man nicht von außen aus der Distanz, was die auf der Bühne treiben. Man ist Teil des Desasters. Und der starke Beifall Ausdruck (un)herzlicher Verbundenheit.
Wolfgang Nußbaumer
(14.01.2026)
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