Der Frühling kennt keine Altersgrenzen

02. Juli 2023

   Mit seinem von Gerburg Maria Müller mit leichter Hand inszenierten Freilicht-„Altweiberfrühling“ aus der Feder von Stefann Vögel wärmt es Herz und Gemüt des Publikums.

   Die Regisseurin siedelt das Stück, das auf dem in der Schweiz spielenden Film „Die Herbstzeitlosen“ basiert, ebenfalls in der Eidgenossenschaft an. Und in der digitalen Gegenwart. Zwar steht auf dem Schreibtisch in Marthas Boutique noch ein grünes Telefon, mit dem sie am Ende sogar Bestellungen aus Indien aufnimmt. Ansonsten benützt man Handy und Internet.

   Das Geschehen befindet sich auf der Höhe der Zeit. Eine alte Dame, der man ihr Geschäft wegnehmen will. Ihr Pfarrersohn für seinen Bibelkreis, der Bürgermeister für sein Wahlkampfbüro. Doch der Reihe nach. Martha wird seit dem Tod ihres Mannes von schlimmen Depressionen geplagt. Ihr Tante-Emma-Laden rentiert sich nicht mehr. Am liebsten würde sie ja dem Verstorbenen nachfolgen. Keine gute Idee, finden ihre Freundinnen. Deren Beschäftigungstherapie sieht so aus. Zunächst soll sie dem Männerchor für das Chorfest eine neue Fahne nähen. In ihrer Jugend hat die gelernte Schneiderin Dessous genäht. Warum nicht auch im Alter? Sehr gute Idee, findet vor allem die dynamische Lisi.

   Die Umsetzung schockt Bürgermeister und Pfarrer. Wahlkampf und fromme Lektüre angesichts heißer Höschen und BHs. Beide betreiben Sabotage. Der Schultes, indem er die Boutique „Petit Paris“ mit Hühnerdreck „aromatisiert“. Der eine Affäre mit der Friseurin des Dorfes pflegende Gottesmann Walter Jost (Kai Forster), indem er seinen Bibelkreis die Dessous klauen und in einem Altkleidercontainer verstauen lässt.

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Ist die Corsage nicht schick? Während Lisi sie lachend präsentiert, schaut die feine Dame Frieda indigniert. Schneiderin Martha schmunzelt vergnügt.

 

   Spätestens von jetzt an hält das von Beginn an gut gelaunte Publikum zu dem vor ansteckender Spielfreude sprühenden Damenquartett. Als sich der selbstgefällige Bürgermeister Fritz Bieri (Felix Schwarzer) per Mikro an die Teilnehmer seines auf den Dorfplatz verlegten Seniorenbrunches wendet, um gegen die Boutique zu polemisieren, erntet er aus den Reihen des herzlich lachenden Publikums Widerspruch.

   Kein Wunder; hat doch zuvor das Damenquartett mit Wortwitz und kecken Anspielungen auf bürgerliches und klerikales Establishment massiv gepunktet. Ein Heidenspaß, der in der wundervollen Leichtigkeit des Spiels gleichwohl eine wichtige Botschaft transportiert. Die Doppelmoral kennt keine Grenzen – und es ist nie zu spät, sich zu emanzipieren.

   Die Martha der Ingrid Krusch wandelt sich in dem von Markus Lägeler höchst praktisch eingerichteten Bühnenbild überzeugend von der verzagten Witwe zur starken Frau; umwerfend präsent die Lisi der Heidrun Neuser; ganz Dame die auf Stil wert legende Fabrikantenwitwe Frieda der Nadine Brachatzek, und einfach herzerfrischend die sich von ihrer Rolle als Mädchen für alles emanzipierende Mutter des Bürgermeisters Hanni Bieri, Vicky Stopka. Ganz heimatverbunden schlüpfen Marta und Hanni noch in Dirndl, die junge Leute ohnehin nicht mehr tragen würden. In dem Punkt irrt sich

   Als Jüngste im Bunde runden die gertenschlanke Cosima Bezler als Shirley, Karin Starczewski als Gattin des Bürgermeisters und Nehle Pietsch als Altersheimleiterin Frau Brunner das Aufgebot ab. Letztere ist gleich Feuer und Flamme für die Idee, ihre Seniorinnen und Senioren schweizer Motive auf die Slips sticken zu lassen. Mehr hautnahes Heimatgefühl geht nicht!

   Lang anhaltender rhythmischer Beifall und mit Dessous gebundene Blumensträuße sind der Dank für einen launigen Abend mit Tiefgang.

   Info: Weitere Aufführungen am 7./8./14./16./21./23./28./29. Juli. Fr/Sa 20.30 Uhr, So 19 Uhr. VVK-Stellen: Abtsgmünder Bank (inkl. Zweigstellen in Dewangen und Fachsenfeld), Aktiv Reisen, Aalen und Buchhandlung Schmidt, Schwäbisch Gmünd.

 

Wolfgang Nußbaumer  

(02.07.2023)            

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