Wohlige Teilchenschauer

23. Juli 2021

   Zumal sie beim EKM-Konzert Donnerstagabend im Remspark in Schwäbisch Gmünd noch drei Vollblutmusiker an ihrer Seite hatte.

   Als es um die Ansage der einzelnen Stücke geht, kneifen die Biodeutschen. Kein Fehler, weil das Deutsch aus dem Munde der Koreanerin viel charmanter klingt. Wie die Musik, die sie macht. Mit flinken Fingern und nuanciertem Anschlag schickt sie ihre Notenschauer über die Köpfe des Publikums, unter das sich auch Gmünds OB Richard Arnold gemischt hat. Man spürt, dass sie ihr Handwerk klassisch erlernt hat, bevor sie von Miles Davis‘ fantastischem Album „Kind of Blue“ mit dem Jazzvirus infiziert worden ist.

   Das Quartett ist weit mehr als ein aus der Not geborener Ersatz für das norwegische Krupka Trio. Bis auf den in Seoul lebenden Schlagzeuger Manuel Weyand haben neben der Pianistin auch Sebastian Schuster am Kontrabass und der Tenorsaxophonist Alexander „Sandi“ Kuhn den Landesjazzpreis Baden-Württemberg erhalten. Schuster bildet mit seinem melodischen Spiel ein solides Rückgrat für die fantasievollen Ausflüge von Gee Hye Lee und des gebürtigen Gmünders Kuhn. Rhythmisch souverän hält Drummer Weyand das Ganze ohne Schießbudengetöse, dafür mit hervorragendem Timing zusammen.

   „Eigenkompositionen und Lieblingsstücke“ haben sie angekündigt. Einiges von dem Eigenen hat das Zeug zum Lieblingsstück. Wie die „Schlafparalyse“. Mit dem Titel beschreibt Lee wie sie sich im „Lockdown“ 2020 gefühlt hat. „Man ist zwar wach, aber der Körper schläft.“ Mit einer an Freejazz erinnernden Kakophonie steigt das Quartett ein, um dann somnambul in harmonischer Spannung zwischen monotonem Saxophon und nervös aufgeladener Begleitung weiterzuschreiten. Bis der angedeutete Alptraum von einem Basssolo förmlich weggestrichen wird.

   Ohnehin ist der mit überraschenden Akzenten gegen den Strich gebürstete rhythmische und melodische Facettenreichtum ein Markenzeichen dieser Truppe. Hier der melancholische „coole“ Grundton im ebenfalls Corona geschuldeten „Another Paradise“, dort das wunderschön balladesk geblasene „Lawn“ (Rasen) der amerikanischen Pianistin Carla Bley. Womit das Quartett bei den Lieblingsstücken gelandet wäre. Die grüne Parkwiese hat Alexander Kuhn zu dieser kantabel doch ohne Schmus hin gebetteten Auswahl inspiriert. Auch ein Titel des 2005 mit der German Jazz Trophy wegweisenden kanadischen Trompeters Kenny Wheeler ist bei Kuhn in besten Händen.

   Ganz entspannt und harmonisch beschreibt der Saxophonist dann zunächst sein „Sustainable Happiness“, sein nachhaltiges Glücksgefühl, bevor er sich fast die Lunge aus dem Leib bläst, um das Glück zu beschwören. Da passt das letzte Stück „Esperanza“ (Hoffnung) gut dazu. Ebenso die Zugabe „We are the world“ – ein Lieblingsstück für ganz viele. Die sich mit glücklichen Gesichtern auf den Heimweg machen. 

 

Wolfgang Nußbaumer                

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