Wie helles Licht in düsterer Nacht

27. Sep. 2022

   Groß und grazil. Wie ihre Musik zum Auftakt des Landesjazzfestivals 2022 in der Hospitalkirche in Schwäbisch Hall.

   Marialy Pacheco muss allein auftreten. Ihren musikalischen Partner, den Trompeter Joo Kraus, hat kurzfristig ein Nierenstein außer Gefecht gesetzt. Das ist einerseits schade, andererseits kann sie nun zeigen, weshalb sie als erste Frau überhaupt den Pianowettbewerb beim legendären Montreux Jazz Festival gewonnen hat. Vom ersten Anschlag ihrer schlanken langen Finger an spürt man, dass der Flügel ihr Freund ist. Sie behandelt ihn virtuos und zugleich mit großem Respekt.

   „Jazz steht für Freiheit und Respekt“ hatte zu Beginn die ehemalige Journalistin und Noch-Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski in einem Grußwort unterstrichen, in dem sie wie zuvor Oberbürgermeister Daniel Bullinger das große Engagement des Haller Jazzclubs und des städtischen Kulturbüros würdigte. Zwei Begriffe, die für die Vita der Pianistin passen. Sie erzählt zwischendurch mit großem Respekt und spürbarer Liebe von ihrem Heimatland, wo sie im Januar 1983 in Havanna das Licht der Welt erblickt hat. Dort hat sie auch eine gründliche musikalische Ausbildung erfahren, bevor sie nach einigen Jahren in Deutschland und einer Zwischenstation in Australien 2013 auf Dauer nach Deutschland zurückgekehrt ist.

   Zumindest auf der Bühne ist Marialy Pacheco eine Frohnatur. Ihr strahlendes Lachen wird ebenso in Erinnerung bleiben wie der Schalk, mit dem sie zwischendurch Storys aus ihrem Leben zum Besten gibt. Und wer könnte die Geschichten vergessen, die sie auf den schwarzen und weißen Tasten erzählt. Mal rockig, mal im Bluesschema, mal romantisch balladesk, mal in kühner freier Improvisation. Natürlich ohne Notenblatt. Eine Partitur benötigt sie auch nicht für „La comparsa“ des Komponisten Ernesto Lecuona, der auch als „kubanischer Gershwin“ bezeichnet wird. Eine vielschichtige Komposition, getragen von karibischem Flair.

   Alle Stücke hat sie selbst für Klavier arrangiert. Beim Spielen scheint sie hinein zu lauschen in das, was sie sich da ausgedacht hat. Und wenn sie lacht, ist sie wohl zufrieden, mit dem, was sie ihrem Publikum zu hören gibt. Dieses ist hochzufrieden, wie man aus dem frenetischen Beifall nach jedem Stück schließen darf. Zumal es auch noch einiges von ihrer „wunderschönen Insel“ mit den tollen Menschen erfährt. Mit politischen Äußerungen hält sie sich indes zurück. Sie lässt lieber die Musik sprechen, die sie so meisterhaft beherrscht.

   Wie kam sie überhaupt zum Jazz, wie sie ihn spielt. Für die Initialzündung hat der geniale Keith Jarrett mit seinem „Köln Concert“ gesorgt, wie Marialy Pacheco verrät. Als sie das gehört hat, war sie hin und weg. Quasi als Hommage an den großen Pianisten interpretiert sie dessen „My Song“. Die Musik fließt förmlich aus ihr heraus, die Tasten scheinen ihren Fingern entgegenzukommen, um von herzhaften Zugriffen begleitete Streicheleinheiten zu erhalten. Wie in „Low Tide“ (Ebbe), zu dem sie in der Ruhe eines Dezembertages auf einer thailändischen Insel die am Strand krabbelnden Krabben angeregt haben. Was soll man sagen, Marialy wuselt wunderbar.

   Mit einem weiteren Schmuckstück geht das Konzert zu Ende. „Oye El Carbonero“. Wenn da jetzt noch der israelische Bassist Avishai Cohen mit von der Partie gewesen wäre, von dem sie noch ein bisschen schwärmt.  Für den rauschenden Beifall dankt sie mit vielen Kusshänden – und natürlich einem strahlenden Lachen.

Wolfgang Nußbaumer   

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