Nur die Wandlung hat Bestand

22. Feb. 2018

„inner spaces“ heißt eine CD, die Uwe Werner mit dem Gmünder Pianisten Mick Baumeister eingespielt hat. Spirituell, raumgreifend ist diese Musik. Nicht von ungefähr heißt ein Titel ausdrücklich „Prayer“ (Gebet). Ein dritter „Und zwischen den Bäumen steht ein Engel“ – Werner nannte es eine Hymne. An die Freude, an das Leben, die Trauer, den Tod? Mit einem Interview, das Vivien Moskaliuk mit ihm gemacht hat, erinnern wir an diesen großartigen Menschen und Musiker.John Coltrane war die Inspiration für Sie. Wenn sie plötzlich die Möglichkeit hätten, ihn zu treffen, was würden sie ihn fragen?
Uwe Werner:
Ich habe oft geträumt von Coltrane. Immer waren es sehr schöne Träume. Einmal stand er hinter mir und hat mir den Nacken massiert. Geredet haben wir nie viel. Das ist auch nicht nötig, denn durch seine Musik, habe ich das Gefühl ihn bereits zu kennen. „A Love Supreme“ war eine Schlüsselplatte für mich.
Wie würden sie den Begriff Jazz für sich persönlich definieren?
Jazz ist nicht Amerika. Jazz ist nicht die Enklave der Schwarzen. Das sind nur Floskeln. Jazz ist Leidenschaft und es gibt wenige, die aus der richtigen Richtung kommen. Jazz ist so virtuos wie die Klassik, nur mit dem Aspekt der Improvisation. Jazz ist eine Möglichkeit der Kommunikation von Nationen, Sprachen. Im Buddhismus ist die Kunst der Musik die höchste, die göttlichste Kunst.
Jemand hat die Jazzszene als „Vollbartträgerszene“ bezeichnet, sprach gar von einer „Jazzpolizei“.
Die Jazzpolizei ist ein Klischee. Viele finden Jazz dann gut, wenn er klingt wie von jemand, den sie kennen. Aber der Jazz muss sich entwickeln. Nach dem Anfang der Achtziger Jahre, nach dem Freejazz stagnierte der Jazz. Er wurde fusioniert, um krampfhaft Zeitbezüge herzustellen, mit HipHop, mit Latin undsofort. Das war ein intellektueller Versuch, den Jazz über eine andere Schiene an den Mann zu bringen, um Kohle zu machen. Der Souljazz von Maceo Parker beispielsweise ist leicht konsumierbar und dennoch hundertprozentig schlüssig. Es gibt eine kleine Flamme im Jazz, die immer brennt. Ein Flämmchen, das man pflegen muss und das man dem Kommerz nicht opfern darf.
Was halten sie von der Entwicklung auf dem heutigen Musikmarkt?
Die Musikszene ist erschreckend. Man schaue sich nur diese Superstar-Würstchen an. Das sollte beschämend sein für die natürliche Intelligenz eines jeden Menschen. Da ist Helge Schneider noch ein wahrer Lichtblick. Heute ist es doch so, dass erst das Gesicht zählt und dann die Musik. Um zu zitieren: Jede Zeit hat die Musik, die sie verdient. Die Musik hat keine Emotion. Das Tanzen zu Techno erinnert mich an eine Austreibung. Und was ist das für eine Musik, die man allein macht und an eine Generation ohne Träume adressiert? Leidenschaftslosigkeit geht mit Unsensibilität Hand in Hand, nur dass das gar nicht stimmt. Hinter all der Coolness findet man kleine, zärtliche und ängstliche Seelen.
Und speziell im Ostalbkreis?
Ich will es mal so sagen: Die meisten großen Jazzfeste servieren keinen Jazz, weil wahrer Jazz die Zuschauerzahlen zu gering halten würde. Bei dem Verein der „Jazz:Mission“ in Gmünd wissen 95 Prozent der Mitglieder um die kleine Flamme und wir wollen dem Kreis eine kleine Nische bieten für Hungrige. Kraft und Ehrlichkeit ist die Voraussetzung für das Spiel. Das ist keine Musik für Touristen.
Künstler verfolgen häufig einen roten Faden oder sind auf der Suche nach etwas. Was suchen Sie?
Das einzige, was Bestand hat, ist die Wandlung. Trotz persönlicher Tragödien dreht sich die Welt weiter und ich versuche, wenn auch nur mit Kleinigkeiten, meine Meinung zu sagen. Zum Trotz. Ich bin nicht missionarisch veranlagt, aber die Welt muss sich ändern und ich setze den Hebel zuerst bei mir selbst an. Das ist die Essenz meines bescheidenen Lebens und das Gütezertifikat ist meine Erfahrung und meine Selbstkritik. Wo es hinführt, ist Philosophie, ist Leben, ist Sinn. In diese Richtung bewege ich mich.

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