Der Aalener Fotograf Peter Schlipf hat für die Kreisverwaltung das vor knapp 30 Jahren geschlossene Schuhcreme-Werk fotografiert, um es zumindest im Bild für die Nachwelt zu erhalten. Landrat Klaus Pavel erinnerte bei der gut besuchten Vernissage daran, dass der Ostalbkreis die Industriebrache erworben hat, um dort ein neues Verwaltungsgebäude zu errichten. Über diese Bilder hat der in Ellwangen lebende Kulturjournalist Wolfgang Nußbaumer gesprochen. Wir veröffentlichen seine Rede in Auszügen:
„Alles endet in der Stille“ – so war die erste Fotonale der Stiftung Schloss Fachsenfeld vor über zehn Jahren überschrieben. Alles. Ein Titel, den man deshalb auch den Arbeiten von Peter Schlipf geben könnte. Wo vor vielen Jahren in der „Wichse“, wie die Fabrik im Volksmund hieß, noch geschäftiges Treiben herrschte, regiert jetzt die Stille. Sie hat einen Bruder. Der heißt Verfall. Alles verfällt. Die belebte Natur ohnehin und alles, was von Menschenhand geschaffen worden ist. Wo jedoch nichts vergeht, wo keine Stille herrscht, kann nichts Neues entstehen.
Die Schnittstelle
Damit haben wir uns der Schnittstelle von Peter Schlipfs aktuellem fotografischem Schaffen genähert. Er hat die Stille dokumentiert, bevor der Baulärm die Zukunft ankündigt. Gleichzeitig hat er in seinen Bildern die Relikte einer langen Industriegeschichte eingefangen. Sicher kommt ihm dabei seine große Erfahrung in weiteren fotografischen Genres zugute. Ob Porträt, Sport, Architektur, Kultur aller Art, Schnappschüssen vom wahren Leben und von den Waren, die unser Leben bestimmen, oder auch nicht – die Aufnahmen zeigen, dass bei ihm Technik und inspirierter Blick im Einklang stehen. Mehr noch, der Aalener, den ja viele für einen waschechten Ami halten, ist ein überzeugter Europäer und Globetrotter. Seine bildgewordene Weltsicht weitet unseren Horizont, wenn wir nur wollen.
Über die Bilder von Dingen und Zeichen in einer oft mystischen, industriell oder agrarisch geprägten Landschaft des stilbildenden Fotografen Robert Häusser hat die große amerikanische Schriftstellerin und Publizistin Susan Sontag befunden, sie seien das „Ergebnis einer intensiven gedanklichen und gestalterischen Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Objekten der sichtbaren Realität“. Häusser selbst formuliert: „Die kleinen stillen Dinge zogen mich an.“ Der Fotograf ist im August 2013 in Mannheim gestorben und Susan Sonntag Ende Dezember 2004 in New York. Als Ergebnis dieser Auseinandersetzung dürfen wir auch die 40 Arbeiten von Peter Schlipf betrachten, die er für diese Ausstellung ausgewählt hat. Mit ihnen hat er quasi ein optisches Mausoleum für „Union“ errichtet.
Kein „Ruinenporno“
Der Fotograf Gerd Ludwig hat über seine Aufnahmen des zerborstenen Atommeilers in Tschernobyl gesagt: „Es gibt einen Unterschied in der Fotografie. Und zwar: Ob ich mit meinen Fotos zunächst eine schöne Bildkomposition zeige und dann zum Nachdenken anrege, oder ob ich nur eine Schönheit beschreibe, mit den Fotos. Ein Foto, das ich als „Ruinenporno“ bezeichnen würde, zeigt nur unkommentiert die Schönheit des Zerfalls. Aber ich glaube, dass in vielen meiner Bilder ein Hinweis ist, auf die Katastrophe, die dahintersteht.“ – Bei Peter Schlipf sind es die zahlreichen Hinweise auf die Menschen, die bei „Union“ bis vor 30 Jahren ihr Brot verdient haben. Exakt bis in den Herbst 1988.
Wer glaubt, er könne auf Geschichte verzichten, hat keine Zukunft. Schließlich ist Geschichte unsere Erinnerung. Sie zu bewahren, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Peter Schlipf hat sich ihr gestellt. In seinen Arbeiten kommen die Dokumentation als eines der Hauptfelder der Fotografie und die Kunst zur Deckung. Er blickt im Wort- und im übertragenen Sinn dahinter, hinter die Fassade; er stellt Beziehungen her, spielt mit der Situation. Leuchtet aus, bis manches einleuchtet.

Rhythmisch hat sich das Percussion-Ensemble SchlagARTig bei der Vernissage perfekt auf die Ausstellung eingestellt. Sogar Cremedosen aus dem Union-Fundus wurden bearbeitet.
Peter Schlipf hat natürlich digital fotografiert. Wie einst in der analogen Fotografie, als man beim Abziehen der Bilder, Bildpartien etwas aufgehellt oder abgedunkelt hat, ist auch er bei der Wahrheit geblieben und hat höchstens etwas aufgehellt oder abgedunkelt, wo die Physik an ihre Grenzen gestoßen ist.
Gehen wir also ins Detail, folgen wir Peter Schlipf durch diese ausgedehnte Industriebrache. Seit 25 Jahren geht er an diesen Gebäuden vorbei. Was mag sich hinter diesen Mauern verbergen? Wie mag es dort aussehen? Fragen, die ihn nicht mehr loslassen. Es musste indes fast ein Vierteljahrhundert vergehen, bis er sie beantworten konnte.
Freitag, der 13.
Ein Reiter auf einem Kalender rahmt den 13. ein. Ein Freitag im Jahr 1985. Zeigt er uns das finale Datum der Schließung – oder ist es der sarkastische kalendarische Kommentar einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters? Weder noch. Was es mit dem Datum auf sich hat – wir wissen es nicht. Solche Details verraten indes den entscheidenden Blick des leidenschaftlichen Fotografen.
Dabei wollte der Aalener eigentlich Flieger werden. Wer sich mit Peter Schlipf unterhält, muss dauernd mit Zeitsprüngen rechnen; so bewegt ist seine Vita. 1987 hatte er einen Job auf einem Flugplatz bei Orlando in Florida. Gar zu gerne hätte er Flugstunden genommen. Aussichtslos angesichts seiner Kassenlage. Eines Tages hat ihn ein Pilot gefragt, ob er mitfliegen wolle, um ein paar Luftaufnahmen zu machen. Pete dachte: Ein Geschenk des Himmels, Hauptsache fliegen. Mit einer geliehenen Kamera stieg er in die Maschine, sah die Welt von oben durch den Sucher – und es hat „Wow“ gemacht. Übrigens hat er für sein erstes Luftbild gleich ein Honorar erhalten.
Allein über diese glücklichen Zufälle in seinem Leben könnte man stundenlang erzählen.
1991 ist Peter Schlipf endgültig in seine Heimat zurückgekehrt. Eigentlich wollte er ja nur Verwandte in Aalen besuchen. Im Sommer desselben Jahres hat er in Aalen sein erstes Konzert fotografiert. 2006 hat er sich als Fotograf selbstständig gemacht. Immer auf Fotopirsch, fängt er am liebsten das ganz normale Straßenleben ein, Menschen im Alltag. Dort fühlt sich dieser persönlich so anspruchslose Globetrotter mit der Kamera am wohlsten. Bei den Menschen, wenn sie authentisch sind. Und dann und wann auch dort, wo Menschen ihren Arbeitsalltag verbracht haben.
Als ob es gestern gewesen wäre
Ich darf Sie an das schon erwähnte Kalenderdetail erinnern. Wir wissen nicht, ob es ein schwarzer Freitag gewesen ist. An diesem heutigen Dienstagabend scheint dieser Freitag indes gerade erst vergangen zu sein. Die Kantinenbilder lassen vermuten, die Beschäftigten seien vor kurzem an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Diese Aufnahmen hat Peter Schlipf wie einige andere aus mehreren Fotos zusammengebaut, um die räumliche Wirkung zu steigern. Der 180-Grad-Winkel korreliert mit dem Blick des Betrachters.
Durch die Andeutung eines Tores wirken die Gebäude dahinter wie eine morbide Schlossanlage.
Aus einer unrhythmischen Fassadenreihe ragt einem Ausrufezeichen gleich ein sandsteinfarbener Kamin in den weißblauen Himmel. Farbige Akzente betonen den Verfall hinter der Idylle.
In einem Maschinensaal scheinen die Geräte kurz vor dem Eintreffen des Fotografen abgeschaltet worden zu sein. Die feinen farbigen Gestänge und Hebel hauchen dem Ungetüm Leben ein, machen es gegenwärtig. Das muss man allerdings sehen. Oder erspüren. Das Ganze ist zwar mehr als die Summe seiner Teile. Ohne diese erwähnten Teile bliebe das Ganze jedoch als Ganzes fotografisch relativ belanglos.
„Agal Kosmetik für den feinen Schuh“, steht auf einem angeschlagenen Schild. Schief hängt es an der Stange. Die Situation konterkariert die Botschaft. Das ist fotografischer Symbolismus – der Realität abgelauscht.
Vor allem in der Industriefotografie steht die Architektur im Fokus. Außen und innen. Da ein Gebäude, gleich welcher Art, immer einen inhaltlichen Zweck erfüllt, verdient dieses Innenleben ebenso großes Interesse wie die äußere Form. Es gibt in diesem Punkt keinen Unterschied zwischen einem Museum oder einem Mausoleum.
Manche Arrangements, die Peter Schlipf angetroffen und eingefangen hat, würden auch in einem Kunstmuseum eine gute Figur machen. Der staubbedeckte Tisch mit Stuhl, Flasche und Besteck könnte als ein „Readymade“ von Marcel Duchamp durchgehen. Und René Magritte, der Magier der verrätselten Bilder, würde vielleicht titeln: „Der Geist aus der Flasche.“
Meinen persönlichen Favoriten möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: Der Kessel, in den sich die Spuren seines wächsernen Inhalts eingegraben haben. Mit den Augen von Peter Schlipf gesehen, entfaltet das Gefäß, in dem einst die Kosmetik für den feinen Schuh gebraut worden ist, die Aura eines altmeisterlichen Gemäldes.“
Beschließen möchte ich unseren Rundgang durch dieses Industriedenkmal auf Zeit mit einer Pusteblume. Symbolträchtig nimmt bei ihr die Zentralperspektive ihren Ausgang bis hin zum Fluchtpunkt, wo sich die Gebäudereihen begegnen. Ein Windstoß – und die Herrlichkeit verfliegt. Keine Perspektive für „Union“ – aber sehr wohl eine für einen dem Gemeinwesen dienenden architektonischen Neubeginn auf geschichtsträchtigem Boden. Was will man mehr.
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