So klingt es wohl im Paradies

20. Dez. 2022

   Allerdings mit einem schwarzen Band. Denn Anfang Dezember ist die Konzertmeisterin des „Ensembles musica viva“, Sabine Kraut, gestorben. Krankheitsbedingt haben noch die Sopranistin Tabea Schmidt und der Tenor Florian Löffler abgesagt. Doch Mirjam Scheider ist gut vernetzt. Mit Julia Obert und Grégoire Delamare hat sie adäquaten Ersatz gefunden. Das Ergebnis: Ein von innerem Leuchten erfülltes musikalisches Geschenk für das am Ende anhaltend applaudierende Publikum in dem bis auf den letzten Platz besetzten Gotteshaus.

   Hingeführt auf das „Oratorio de Noël“ von Camille Saint-Saëns hat die Dirigentin mit Johann Sebastian Bachs Kantate zum 1. Advent „Nun komm der Heiden Heiland I“ mit einem makellos ausdrucksstarken Bass-Recitativo von Daniel Raschinsky und einer Aria mit der Sopranistin Julia Obert. Schon hier füllt sie das Kirchenschiff mit klangvoller Höhe.

   Fein gestrickt und angenehm tonal erklingen „Prélude“ und „Aria“ aus der „Suite Lyrique“ des 1945 geborenen EKM-Preisträgers von 2019, John Rutter, bevor in der „Cantique de Jean Racine, op.11“ von Gabriel Fauré Chor und Orchester mit ausbalancierter Dynamik zu einem glaubensvollen Zusammenklang finden.

   Mit seinem „Weihnachtsoratorium“ verbeugt sich die Dirigentin noch vor einem weiteren großen Franzosen. Saint-Saëns hat sein „Oratorio de Noël“ in Bachs Tradition gestellt. Eine lineare, am Wort orientierte Musik, die dem Solisten-Quintett breiten Raum zur Entfaltung gibt. In unterschiedlicher Kombination dürfen sie die Worte der Psalmen interpretieren, wobei der in allen Stimmen höchst präsente Chor meist den Schlusspunkt setzt. Wie im zweiten Satz mit dem hymnischen „Gloria“.

   Was soll man an Preziosen aus dem reich bestückten Werkzeugkasten des Komponisten noch auswählen, ohne den anderen Unrecht zu tun? Die Tenorarie mit dem Chor als tief empfundener Wohlklang, oder der folgende 5. Satz mit dem Duo aus Sopran und Bariton. Im 6. Satz hat der Chor in einer dynamischen Achterbahnfahrt mit ausgeprägtem, fesselndem Crescendo wieder das Sagen. Im 7. Satz korrespondieren die Arpeggien der Harfenistin Emilia Kalfova mit dem hinreißend harmonierenden Trio aus Sopran, Tenor und Bariton. Und im 9. Satz tut sich der Chor in einem abwechslungsvollen Reigen mit den drei solistischen Frauen- und den beiden Männerstimmern zusammen. „Halleluja“ lautet das kulminierende Schlusswort. Wie wahr!

   „Halleluja“ intoniert der Oratorienchor auch als Finale dieses Oratoriums. „Bringet Geschenke“ hat dieser 10. Satz begonnen. Mirjam Scheider hat zusammen mit Chor, Orchester und Solisten uns diesen Wunsch erfüllt.

 

Wolfgang Nußbaumer

(20.12.22)

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