Schubart-Preis für Julia Schoch

24. Apr. 2023

   Warum? Darüber hat die Literaturkritikerin Anne-Dore Krohn in ihrer Laudatio informiert. Den Förderpreis hat Slata Roschal für ihr Buch „153 Formen des Nichtseins“ erhalten.

    „Niemand fällt so formvollendet mit einem Satz in ein Buch“, beginnt die Kulturredakteurin des Senders rbb gleich mit einem dicken Lob. Nicht der einzige „Krachersatz“ im ersten Band einer Trilogie der freien Autorin und Übersetzerin. Sie erzähle analytisch in glasklarer Sprache. In ihrer Jugend in der DDR saß Julia Schoch am Ruder eines Vierers mit Steuerfrau, „heute sitzt jeder Satz“, zieht Krohn sprachspielerische eine Parallele. Zentrale Figur im „Vorkommnis“ ist ganz unbescheiden das „Ich“. Als Name! Natürlich handelt es sich dabei nicht um Julia Schoch. Wobei in einem Werk die Schöpferin immer immanent vertreten ist. Für Krohn hat die Preisträgerin eine „Autofiktion“ verfasst. Sie wird in ihrer Dankesrede diesen Begriff als „eine demütige Form der Autobiographie“ definieren. Doch wie schreibt man über sich selbst? Wie leistet man die „raffinierte Verwandlung des eigenen Lebens in Literatur“? fragt sich die Laudatorin. So ein Ich sei schließlich eine knifflige Angelegenheit. Julia Schoch jedenfalls hat das Kunststück geschafft. Ihr Roman ist für Anne-Dore Krohn eines der Bücher, „in die man einziehen möchte.“ Eine Behausung für Geist und Gemüt.

    Die Geehrte stellt dann anschließend nüchtern fest, das Sprechen über sich selbst sei zum Pflichtprogramm geworden. „Sonst kommt man nicht vor.“ Dann spricht sie über sich, erklärt, dass ihr das Ich von Anfang an als „Mittel zur Selbsterforschung“ sehr wichtig gewesen sei.  Mit allen Risiken. Denn es sei ja das Unzulängliche, ja das Gefährliche, von dem sie zu Beginn des Schreibprozesses nichts wisse. Umso wichtiger sei Klarheit und Ehrlichkeit, um sich selbst auf die Sprünge zu kommen und damit authentisch zu werden. Diese Prinzipien dienten ihr als Wegweiser. Die Bücher ihrer Jugend waren Heldengeschichten aus dem Krieg, verrät sie. „Im Vergleich mit ihnen kam mir mein eigenes Ich geradezu feige vor“. Diese Lebensepisode hat sie nicht vergessen, obwohl sie mit Nachdruck feststellt: „Man muss vergessen, um sich richtig zu erinnern“. Das heißt, das Vergessene wieder ans Licht der Erkenntnis heben zu können.

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Slata Roschal bei ihrer Dankesrede

   Die Essenz des Debutromans über Identität, Migration, Außenseitertum, Weiblichkeit und die Frage nach dem Sein von Slata Roschal zu erzählen, sei kompliziert, räumt Jurymitglied Dr. Stefan Kister nach der Lektüre ein. Die junge und schon vielfach ausgezeichnete Autorin beschreibt in 153 Episoden das Schicksal Ksenias. Sie ist Russin und Deutsche (wie die in St. Petersburg geborene Förderpreisträgerin), Jüdin, unter Zeugen Jehovas aufgewachsen; sie ist Mutter, Schriftstellerin und Wissenschaftlerin – ein Identitätspluralismus, den sich selbst orientierend aufzuarbeiten einige Mühe abverlangt. Diese Selbst- und Alltagsbeobachtungen beschreiben den Abschied von vermeintlichen Gewissheiten, von der Eintönigkeit eines Lebens und das langsame Hineinfinden in eine anders geartete Existenz, so Kister.

   Slava Roschal macht es in ihrer Dankesrede kurz. Offizielle Formulierungen seien ohnehin nicht ihr Ding. Sie liest einige Zeilen aus dem Ironie gesättigten „Dankes“-Gedicht eines russischen Kollegen, und freut sich dann über „diesen wertvollen Moment“. Immerhin tue er ihrem Buch gut und sie könne mit dem von der Kreissparkasse Ostalb gestifteten Preisgeld für einige Monate die Miete in München bezahlen und damit die Zeit finden, zu schreiben, was sie wolle.

   Zum Schluss hat Anne-Dore Krohn Verena Auffermann (sie konnte an der Feier nicht teilnehmen) und Dr. Michael Kienzle aus der Jury verabschiedet. Mit einem fiktiven Brief Ciceros an die beiden, den Denis Scheck per Videoeinspielung aus Pompeji vorgelesen hat. Natürlich auf Latein. Da freut sich das Bildungsbürgertum.„Wenn ihr einen Garten habt und eine Bibliothek, habt ihr alles, was ihr braucht“, so des alten Römers originale Feststellung. Ein bisschen Musik kann indes ebenfalls nicht schaden. Für sie haben die vier Streicher des jungen „Feuerbach Quartetts“ mit schwungvoll dargebotenen Rock- und Klassikhits gesorgt.

Wolfgang Nußbaumer

(24.04.2023)  

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