Ein kleines rotes Männchen schlägt auf einem Video in einer Endlosschleife Purzelbaum. Es taucht als Siebdruck auf einer Papierbahn wieder auf, die den Raum zweiteilt. Diese Kunstbahn darf man betreten. Sonst wird es schwierig, auf die andere Seite zu den kleinen farbigen Figuren aus Epoxidharz zu kommen, die sich in die Nischen der Wand zurückgezogen haben. „Mes Pompons“ nennt die Künstlerin diese Schöpfungen in Erinnerung an einen französischen Bildhauer, dessen Werk sie während eines Stipendiums in Valence kennengelernt hat.
„Abkürzung durch den Vulkan“ überschreibt die Stuttgarterin ihre Ausstellung. Dieser Titel ist ebenso sybillinisch wie das Leitmotiv auf der Papierbahn; ein Flugzeug, das an einem Fallschirm hängt. Im wahrsten Sinne des Wortes eine Traumgeburt, wie sie erklärt. Wie surreale Traumgeburten wirken auch die weiteren malerischen und skulpturalen Arbeiten. Mit einem entscheidenden Unterschied. Sie sind aus Begegnungen mit Menschen entstanden, die sie mit ihren Vorlieben, Situationen und Lebenserfahrungen inspiriert haben. Also autobiografische Umsetzungen.

Die Künstlerin neben ihrem Bild „Nie wie du“.
Ihre besondere Aura erhalten ihre Schöpfungen durch den Einsatz von Industriematerialien wie Glasfaser, Kunstharz und Polystyrol. In ihren Bildern erreicht sie mit dem Kunstharz auf Glasfaser- oder Alu-Dibond-Grund „eine intensive polychrome Farbigkeit“, wie die Kunsthistorikerin Dr. Sabine Heilig in ihrer Einführung erläutert hat. Flächen, Farben und Dinge würden zu ganz gegenwärtigen Strukturen. Insofern auch nah bei den Menschen, denen ihr Hauptaugenmerk gilt. Auch wenn sie leibhaftig nicht in Erscheinung treten. Wie auf dem Bild „5 Kontinente – ein Zuhause“. Es sieht aus wie ein Wandteppich, zeigt in einem offenen Raum in einer Wüstenlandschaft zwei Toiletten und ein Waschbecken, auf dem Dach ein Abluftrohr. Surrealistisch rätselhaft und deshalb fesselnd. Ihre Arbeiten sind nichts für den schnellen Blick. Sie wollen erkundet sein. Wie das 100 Jahre alte rote Männchen aus Valence, das Purzelbaum schlägt.
Zu Beginn hatte Dr. Christof Morawitz die Gäste in Namen der Kulturinitiative begrüßt. „Kultur ist für uns mit allen ihren Formen ein Lebensmittel“, betonte er; also unersetzlich. Für die musikalische Umrahmung haben Martin Kronberger und Markus Beyeler mit eigenwillig interpretierten Pop-Songs gesorgt.
Info: Die Ausstellung ist bis 6. November Samstag von 13 bis 17 Uhr, sowie an Sonn- und Feiertragen von 11 bis 17 Uhr geöffnet.
Wolfgang Nußbaumer
(16.10.22)
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