Olivia Trummer – mehr braucht es nicht

08. Dez. 2024

   Doch niemand muss sich wie einst Odysseus am Schiffsmast festbinden lassen, um sich nicht den betörenden aber tödlichen Lauten zu nähern. Der Genuss von Olivia Trummers Auftritt birgt keine Gefahren, sondern nur abwechslungsreichstes Hörvergnügen. Parallel dazu zeigen Momentaufnahmen des Ellwangers Frank Keller im Bandhaus das geschulte Auge eines innovativen Fotografen.

   Gleich zu Beginn zeigt sie auf, wohin die musikalische Reise an diesem Abend gehen wird. Mit „Little Shepherd“ von Claude Debussy und „Close to you“ von Burt Bacharach bindet sie romantische Klassik und klassischen Pop samt einer kräftigen Dosis Jazzfeeling zusammen. Als Komponistin hat sie sich selbst schon einen Namen gemacht. Erste Kostprobe „Undress me“; wie die meisten ihrer Songs emotional aufgeladen, authentisch in der Botschaft, die sie transportieren. Man solle ganz sich selbst sein, keine Maske tragen, übersetzt sie den englischen Titel.

   Sie ist ganz sie selbst. Mit dem roten Stirnband, dem blauen Poncho und der schwarzen Hose ähnelt sie in ihrer zarten Gestalt einem Bild des Renaissancekünstlers Pisanello. Wie sie singt und spielt, das geht alles so nahtlos, so selbstverständlich ineinander über, wie in einem Klavierkonzert von Beethoven der Tonartenwechsel. Klar, dass sie als klassisch ausgebildete Pianistin makellos die „Mondscheinsonate“ verarbeitet. Und noch ein Großer mit B. Die „Allemande“ („Almundo“) aus Johann Sebastian Bachs Partita I B-Dur bringt sie als vielfingrigen Klangteppich mit Ostinato der linken Hand zum Klingen.

   Neun Alben hat Olivia Trummer seit 2006 eingespielt. 2022 ist „For you“ entstanden. Das Titelstück trägt einen zunächst sanft davon, bevor sie ins Wohlbehagen expressives Feuer gießt. „Thirsty in the Bathtub“ meint kein Paradoxon. „Durstig in der Badewanne“ ist wieder eine ihrer Aufforderungen, pfleglich mit sich und der Welt umzugehen. Dazu passt hervorragend der kleine Hymnus „Piece of Love“. „Wir machen alle mal Fehler“, erklärt sie. Und die sollten wir uns und anderen vergeben.

   Ihre Coverversionen haben es in sich. Burt Bacharach hat sie schon interpretiert. Stevie Wonders „You are the sunshine of my life“, „My Baby just cares for me” von Nina Simone, den zu ihrer Lebensphilosophie passenden Sting-Song “Fragile”, eine Hommage an den charismatischen blinden Ray Charles, der wahrlich ein Licht in der Dunkelheit gewesen ist – diese Künstlerin scheint das ganze Musikuniversum intus zu haben. Ein Lied wiederum dürfte die meisten der Zuhörerinnen und Zuhörer im Ohr nach Hause begleitet haben. „Swing low, sweet chariot“. Ganz zärtlich, ganz sehnsuchtsvoll klingt der Gospelsong von der Bühne – natürlich gepaart mit einer Beethovensonate.

   Für den Beifall des hingerissenen Publikums bedankt sich Olivia Trummer mit zwei Liedern, einem italienischen und einem deutschen. „Wie die Zeit vergeht“ von der 2010 erschienen CD „Nobody knows“. Viel zu schnell ist an diesem Abend die Zeit vergangen. Indes hat die Frau mit dem feinen Charme noch einen Trost parat. In New York hat sie ein Soloalbum aufgenommen, das im kommenden Jahr erscheinen wird.

Frank.JPG

Frank Keller vor dem Konzert im Interview mit Akademiedirektor Moritz von Woellwarth.

   Die zum Teil mit Hilfe einer Drohne aufgenommenen Bilder von Frank Keller (Stadtsituationen, Farbimpressionen, und u.a. grafische Landschaften) sind noch bis März nächsten Jahres zu sehen.  

Wolfgang Nußbaumer

(08.12.2024)  

    

     

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
>