Ökonomie sticht Ökologie

12. Okt. 2022

   140 Jahre sind seit seiner Entstehung vergangen. Dennoch lässt sich der kritische Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse mühelos in unserer Gegenwart festmachen.

   Im Theatersaal dürfte weniger die „kompakte Majorität“ Platz genommen haben, als die im Sinne der Hauptfigur des Stücks, des Kurarztes Tomas Stockmann, „der Wahrheit“ verbundene Elite. Das wiederum liegt allerdings in der Natur der Theatersache selbst. Es stößt wie der für seine Überzeugung brennende Protagonist, der die schweigende Mehrheit nicht mobilisieren kann, an seine Systemgrenzen. Wenigstens ist man unter sich.

   Der Skandal, den der Doktor Stockmann publik machen will, dass ein Fabrikant durch falsch verlegte Rohre das Trinkwasser des Kurbades verseucht hat, korrespondiert mit dem überraschenden Verzicht des Hamburger Finanzamts auf eine Erstattung in Millionenhöhe für Cum-Ex-Geschäfte der privaten Warburg-Bank. Der Ruf ehrenwerter Leute könnte ja beschädigt werden. Die Parallele zwischen einst und heute ist offensichtlich.

   Womit wir wieder in dem norwegischen Kurort angekommen wären. Zu Beginn kuschelt Katrine Stockmann in üppiger Kissenlandschaft. Dann tritt der Redakteur in Gestalt des massigen Klaus Rodewald ein, begrüßt mit einem innigen Kuss. Wenig später ihr Mann, der Doktor, ebenfalls so leidenschaftlich beküsst. Dieser hüpft völlig euphorisiert herum. Warum? Er hat die Nachricht eines Instituts in der Tasche, das ihm seine Vermutung bestätigt. Sie muss unter die Leute gebracht werden. Ganz im Glück lassen Stockmann, seine Frau und der befreundete Redakteur.

   Der örtliche „Volksbote“ ist zunächst Feuer und Flamme für den Abdruck von Stockmanns mit diesem Gutachten fundierten Vorwürfen. Doch dann bekommt sein Bruder Peter Wind von der Sache. Der ist als Bürgermeister auch noch Vorgesetzter des Arztes. Eine grundlegende Sanierung würde das Bad zwei Jahre lang stilllegen und Millionen kosten. Keine Kurgäste, keine Einnahmen, leerstehende Ferienwohnungen, verprellte Investoren. Da lässt Peter Stockmann die Muskeln spielen und setzt mit seinen Argumenten und einem Gutachten, das den heiklen Zustand verschönt, die freie Presse unter Druck. Verleger Aslaksen ist Geschäftsmann – und der Redakteur singt das Lied des Mannes, dessen Brot er isst.

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Tomas Stockmann ist nach dem Anschlag auf sein Haus am Boden zerstört. Seine Frau Katrine (Katharina Hauter) überlegt, wie es weitergehen kann.

 

   Auf einen Schlag steht der Repräsentant der „Wahrheit“ auf verlorenem Posten; die „kompakte Majorität“ (Ibsen) wirft ihm nächstens die Fensterscheiben ein; sein Bruder entlässt ihn fristlos. Es steht schlecht um den Einzelkämpfer. Doch plötzlich scheint sich das Blatt für ihn zu wenden. Eine Erbschaft seiner Frau Katrine könnte die Familie aller Sorgen ledig machen. Wäre da nicht deren Pflegevater, der mit dem Erbe lieber jetzt billige Aktien des Kurbetriebes kauft. Wie gewonnen, so zerronnen. Ein Tomas Stockmann gibt indes nicht auf. Nie. Wieder setzt er zu einer Rede an, in der er die gesellschaftlichen Verhältnisse geiseln wird. „Ich“ sagt er – dann fällt der Vorhang.

   Dieses Ende bringt das Grundmuster der Inszenierung auf den Punkt. Matthias Lejas Kurarzt würde um der Wahrheit willen nie einen Kompromiss eingehen. Lieber zerstört er sich selbst, als auch nur ein Jota von seiner Überzeugung abzurücken. In Lejas pointiert quirliger Darstellung geschieht das nahezu lustvoll. Sven Prietz verkörpert als Bürgermeister seinen Gegenspieler mit kühler Beamtenmentalität, an dem alle Einwände abperlen wie Wasser auf Teflon. Ein williger Steigbügelhalter und Interessenvertreter der herrschenden Klasse. Selbstbewusst und kein Kind von Traurigkeit ist der Redakteur des Klaus Rodewald. Ein bäriger Typ, der ohne einen Hauch von Skrupel das Lager wechselt. Wenig prägende Ausstrahlung hat Marco Massafra als Verleger. Katharina Hauter repräsentiert die Familie des Doktors als empathische, lebensfrohe Frau.

   Florian Etti hat für das wortmächtige Stück ein schlichtes Bühnenbild entworfen, vor und in dem sich die Dialoge und Monologe gut entfalten können. Hinter der Kissenlandschaft erhebt sich eine Haus- und Zimmerwand mit zwei Fenster- und zwei Türöffnungen. Später werden an der Seite mit Parolen beschriebene Papierbanner wehen und ein langer Tisch unwillkürlich Assoziationen an Putins monströse Tafel wecken. Kein Ort für echten Dialog. Kein Ort, um in der Wirklichkeit die Wahrheit zu finden. Diese gehört Doktor Tomas Stockmann. Ein kostbares Gut. Für ihn, wie für diejenigen, die sie aus ökonomischen Gründen fürchten, wie der Teufel das Weihwasser. Viel Geld wert für sie, unverkäuflich für ihn und sein Selbstverständnis. Aus diesem Gegensatz gibt es keinen Ausweg. Ökonomie sticht Ökologie.

   Info: Nächste Aufführung am Sonntag, 30. Oktober, 19.30 Uhr. Karten unter Tel. 0711 202090  

Wolfgang Nußbaumer      

(10.10.22)

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