Sie macht mehr aus der Welt

11. Nov. 2021

   Eine, die das pure Lebenselixier ist, macht bei der Jubiläumsveranstaltung des Ellwanger Kulturvereins Stiftsbund im Speratushaus den Blick zurück zum reinen Vergnügen. Mit einigen Widerhaken allerdings. Das ist sich die Sprach- und Sprechkünstlerin schuldig.

   Als Corona die Welt leergefegt hat, war sie mit ihrem Hausmeister allein im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Allein in einem Haus, das sonst zwölf Stipendiaten aus aller Welt jährlich beherbergt, die hier an neuer Literatur, Musik und bildender Kunst arbeiten. Eine Art Petrischale, in der sich zahlreiche Kulturen entwickeln können, beschreibt sie dieses Projekt. „In Bamberg ist es schön“ sagt sie mit dem Brustton der Überzeugung. Doch dann der Stillstand. „Das macht etwas mit einem“, verrät sie in ihrem PowerPoint-Vortrag zum 75jährigen Bestehen des Vereins.

   Die Zeit der Pandemie hat die 41 Jahre alte Nora Gomringer als „eine Zeit der Verstärkungen“ empfunden; das heißt auch von „Ängsten aller Art“. Bläserinnen und Bläser, Sängerinnen und Sänger erhalten quasi ein Berufsverbot. Vor allem Solokünstler stehen schlagartig vor dem Nichts. Sie erinnert sich an ein Gespräch, das Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zur Verbesserung ihrer materiellen Situation im Mai 2020 mit Kunstschaffenden geführt hat. Doch es hat bis August gedauert, bis die ersten Auszahlungen erfolgt sind.

   50 Minuten hat sie sich für diese Rede Zeit genommen. Wenig für das, was sie sich zu sagen vorgenommen hat. Weshalb sie ein ziemlich hohes Sprechtempo anschlägt. Obwohl sie in ihren Rückblick, der zugleich ein Ausblick ist, eine Fülle von Reflexionen und Sprachbildern packt, kann man ihr dank der klaren Diktion mühelos folgen. Folgen zur Funktion des Lichts („Ich bin ein Wesen, das nur strahlt, wenn es angeleuchtet wird“), zu den Auswirkungen von Demenz und Rassismus, zum Tode ihrer Mutter in einer wohl nicht zu empfehlenden Klinik bis zu einer Spitze gegen die Buchmessenblase.

   Weil sie jedoch kein Typ ist, der Trübsal bläst, verrät sie noch, was sie an Projekten plant. Zwar hält sie ihr Haus noch bis Mai 2022 geschlossen, doch noch im November wird sie in Dan Browns „Wilder Symphonie“ mit den Bamberger Symphonikern die „Maestro Maus“ spielen. „Das wird tierisch wild und lustig“, freut sie sich auf Facebook. Weil Lesen nicht nur bildet, sondern auch Spaß macht gibt sie noch ein paar Tipps. Wie das „Jahrbuch der Lyrik 2021“. „Empfehlenswert“ trotz ihres eigenen Gedichts. Ganz kann sie es doch nicht lassen und trägt eines ihrer Gedichte vor, nachdem sie Rilkes „Herbsttag“ („Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“) und Heinrich Heine zitiert hat.

   Zu Beginn hatte Vorsitzender Dr. Michael Spang die Geschichte des Vereins Revue passieren lassen. Mit 75 sei er zwar ein älterer Herr geworden. Dennoch gehe er seiner Arbeit noch ohne Gehhilfe nach. Agil wie eh und jeh seit seiner Gründung 1946. Die persönliche, individuelle Erfahrung, wie sie der Stiftsbund biete, könne die noch so große mediale Vielfalt nicht leisten. Deshalb habe sich auch das Konzept des Vereins mit seinen unterschiedlichen Sparten Kleinkunst, Musik und Vorträgen nicht überholt. Kultur sei kein Luxus, den man sich leisten könne, wenn alles andere erledigt sei, mahnte Spang.

   Diese Feststellung war ganz im Sinne von Bürgermeister Volker Grab. Er hob die wichtige Bedeutung des Stiftsbunds für das gedeihliche Zusammenleben der Stadtgesellschaft hervor. Nicht nur für sie. Schließlich kämen Menschen aus der ganzen Region zu den Veranstaltungen. Er dankte dem Verein für die gute Zusammenarbeit, die der kulturellen Vielfalt diene. „Von beiden Seiten hängt viel Herzblut drin.“

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   Hätte es ein besseres Beispiel für die Vielfalt geben können, die der Stiftsbund aus der Welt auf die Ostalb bringt. als das Duo Luciano Biondini und Klaus Falschlunger. Den Klangkosmos, den der Italiener und der Österreicher auf Akkordeon und Sitar in ihrem begnadeten Zusammenspiel entwarfen, war schlichtweg atemberaubend. Indisch, europäisch, amerikanisch angehauchte Musik, die eine ganz eigene Magie entfaltet. Melancholie im November – ganz ohne Grau. 

Wolfgang Nußbaumer

   

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