Natürlich nicht. Niedecken spielt mit seiner Band drei Stunden – und zwar nonstop. „Jraaduss“ eben. Viel zum Mitsingen für die rund 2300 Fans im Schlosshof dabei. Wie zuletzt im Juli vor 16 Jahren. „Schöne Location“ hatte der Rocker vom Rhein schon damals gelobt und Schloss Kapfenburg angesichts der auss voller Kehl und frischer Brust mitsingenden Schwaben kurzerhand zum „südlichsten Stadtteil von Köln“ erklärt.
Eigentlich müsste man nur die zig Titel von A bis Z aufzählen und hätte eine komplette Beschreibung des BAP-Phänomens. Um sie alle anzuhören müsste man wohl drei Tage einkalkulieren. Also zurück zum „Wahnsinn“ im Schloss. „Sagenhaft!“ schwärmt hinterher einer aus der Menge. Er spricht wohl den allermeisten aus dem Herzen, die gleich zu Beginn die Arme zum rhythmischen Klatschen in den blauen Himmel recken. Mit dem Klassiker „Waschsalon“ geht der Wahnsinn der neunköpfigen Band weiter- „wisch wasch“, aber sicher.
Zuletzt war Wolfgang Niedecken vor elf Jahren in der ehemaligen Deutschordensfeste. Gerne erinnert der Mann mit Hut sich: „Das war immer geil hier. Jetzt sind wir wieder da – und das ist gut so.“ Zwischen Corona und Omikron geht mal wieder handfester Rock ab – mit einigen wunderschönen Balladen zum Atemholen. Einige von ihnen gibt der 71jährige Barde in einem „Liebeslieder-im-Sitzen-Block“ zum Besten. Ein Fest der akustischen Gitarren, in das sich der Trompeter Christoph Moschberger mit lyrischer Kantilene einklinkt. Zum Träumen schön das seiner Tochter gewidmete „Mittlerweile Josephine“, das mit Anne De Wolff am Cello den klanglichen Kick erhält. Die Multiinstrumentalistin macht dem „Müsliman“, der im Reggaerhythmus die Bühne betritt, noch auf der Blockflöte Beine. Zuvor darf der „Jupp“, der die tollsten Abenteuer erlebt, aber nie von Stalingrad erzählt hat, nicht fehlen in der Hitliste.
Ulrich Rodes Gitarre singt mal schneidend, mal jubilierend in fast allen Titeln markant mit. Mit flinken Fingern knüpft Keyboarder Michael Nass Melodien in seine Klangteppiche, Saxophonist Axel Müller kann auch Gitarre spielen und F. Johannes Goltz Posaune, aber wie! Christoph Moschberger komplettiert die Bläsersektion, die der Band den heißen Atem verleiht. Bassist Werner Kopal ist ein sicherer Fels in der Brandung, und der grundsolide Rockschlagzeuger Sönke Reich das verlässliche rhythmische Rückgrat der Band.
„Aff und zo ess alles herrlich“, wie an diesem Abend. Im Hinterkopf behalten sollte man trotz Klimawandel, Virus und Ukrainekrieg auch diese Feststellung des Altrockers aus Köln: „Aff un zo jeht et uns jar nit schlääsch“. „Nemm mich met“ ist ebenfalls eine Bitte, der man sich nicht verschließen sollte. Hat dieser Wolfgang Niedecken doch so viel zu erzählen. Weil er seit jeher Ohr und Herz am Puls der Zeit hat. Als Mahner hört ihn das Publikum, nachdem er seinem Zorn und seinem Abscheu über Trump und Putin Luft gemacht hat, in dem düsteren „Ruhe vor dem Sturm“. Dazu leuchten sogar die Bühnenscheinwerfer in grauem Licht.
Noch ein nachdenklicher Klassiker, der zum Mitsingen animiert. „Verdampp lang her“. Aber kein Blick zurück im Zorn. Der BAP-Vormann liebt die entgegengesetzte Richtung. Ja, und herbeizaubern kann er auch. Ein Meer von leuchtenden Handys, als er das lyrische „Du kanns zaubre“ anstimmt. Dann testet er noch die Textkenntnisse seiner Fans, indem er ihnen ein Wortschnipsel hinwirft, das sie weitersingen sollen. Mit dem Ergebnis ist der große Zauberer sichtlich zufrieden. Auch auf dem Gesicht von Akademiedirektor Moritz von Woellwarth spiegelt sich reines Glück wider.
Inzwischen sind die Zeiger kurz vor 22 Uhr angelangt. Zeit für ein letztes anrührendes Lied, bei dem der eine oder die andere feuchte Augen bekommt: „Wenn ahm Ende des Tages“. Da ist die Sonne längst untergegangen. Trompeter Christoph Moschberger entlässt die Fans mit einem letzten klaren Ton in die warme Nacht.
Wolfgang Nußbaumer
(25.07.2022)
0 comments