„Täglich Kunst ist täglich viel Arbeit“, hat der Intendant des gastgebenden Theaters der Stadt Aalen, Tonio Kleinknecht, festgestellt; ein dem Komiker Karl Valentin zugeschriebenes Zitat paraphrasierend. Wie wahr. In zehn Tagen zeigen 29 Häuser 34 Inszenierungen mit 42 Vorstellungen, einschließlich Kinder- und Jugendtheater.
Dass letztere keine Nebenrolle spielen werden, hat sich schon am Eröffnungstag gezeigt. Mit einer Uraufführung von „Die Partikel eines Tages“ hat das Junge Theater Baden-Baden auf sich aufmerksam gemacht. Sehr zur Freude von Intendantin Nicola May. Ein starker Impuls für die junge Truppe, deren kritisches Potenzial zu neuen Ideen führe und damit auch die große Bühne beflügle. Sonja Karadza vom Freiburger Theater im Marienbad weist in diesem Kontext auf die wichtige Aufgabe von Kinder- und Jugendtheatern hin, Jugendliche zusammenzuführen. Damit dürfen sich der Leiter des hiesigen Kinder- und Jugendtheaters, Winfried Tobias und alle seine Kolleginnen und Kollegen in ihrer Arbeit bestätigt sehen.
Auf die Frage der Moderatorin Marie-Christine Werner, der Leiterin der Landeskulturredaktion von SWR2, was es mit dem Titel „Täglich Kunst“ auf sich habe, erklärt die stellvertretende Intendantin des Aalener Theaters, Tina Brüggemann, man müsse sich mit jeder Inszenierung aufs Neue behaupten. Ganz wichtig sei indes, dass das Theater das Gespräch, den Diskurs in der Gesellschaft in Gang halte. Also quasi Tag für Tag. Die Frage „Warum machen wir Kunst?“ hat sich auch der Dirigent Victor Kurentzis gestellt. Seine Antwort: „Weil wir die Welt erschaffen wollen, in der wir leben.“
„Theatertage zu haben ist ein wahnsinniges Geschenk für Theater und Stadt“, hat May zuvor betont. Ein Geschenk, das Aalen nach der Gründungsintendanz von Udo Schoen zum zweiten Mal zuteil wird. Das sieht auch Oberbürgermeister Frederick Brütting so. „Das Theater gehört zu unserer Identität als Stadt“, erklärt er und fügt im selben Atemzug hinzu, sie werde auch künftig für eine verlässliche Finanzierung sorgen. In einer Welt der Digitalisierung sei es wichtig, „etwas zum Anfassen zu haben“. Für Ulrich von Kirchbach ist das Theater ein Ort, das Nachdenken über komplizierte Fragen gegen die großen populistischen Vereinfacher zu setzen. Und ist sich darin mit Brütting einig, der die Bühne als Zentrum der Meinungsvielfalt und damit als Gegengewicht zum gängigen Schwarzweiß-Denken sieht.
Zur Frage der Finanzierung hat sich Staatssekretär Arne Braun vom Kunstministerium im gleichen Sinn wie Brütting geäußert. Zuvor hat er für seine Bemerkung, das Land müsse schon überprüfen, „was wir wofür ausgeben“ Kritik einstecken müssen. Nicola May stellt mit Verweis auf den Artikel 5 des Grundgesetzes klar: „Die Kultur ist eine freiwillige Leistung. Das heißt, der Staat darf sie nicht instrumentalisieren.“ Auch wenn die öffentliche Hand als Geldgeber fungiert.
Das garantiert eine tarifgemäße Bezahlung der Theatermacher, worauf der Vorsitzende des Bühnenvereins Baden-Württemberg, Ulrich von Kirchbach, hinweist, allerdings mit mahnendem Unterton. Freiwilligkeitsleistung bedeutet eben nicht, dass der Geldhahn zugedreht wird, wenn die Steuereinnahmen nicht mehr wie erhofft sprudeln. Ein Stichwort für die künstlerische Leiterin des Theaters im Marienbad in Freiburg, Sonja Karadza. Zwar freut sie sich, dass sie mit ihrer gesamten, 15 Leute zählenden Kinder- und Jugendtheater-Truppe an diesem Arbeitstreffen teilnehmen kann; weist aber dennoch deutlich auf ein Grundproblem der freien Theater hin. Diese seien seit jeher unterfinanziert, könnten deshalb keine tariflichen Gehälter bezahlen und müssten immer mit der Gefahr leben, dass Schauspielerinnen und Schauspieler abgeworben würden. Was eine verlässliche Finanzierung betrifft, wünscht sich Nicola May „eine bessere Zusammenarbeit zwischen Kommune und Land“. Eine Möglichkeit sieht sie darin, die Förderung von Projekten zu verstetigen, damit man nach deren Ende nicht wieder bei Null anfängt.
Das liebe Geld spielt indes beim Programm der Theatertage nicht die Hauptrolle. Sondern das Miteinander. „An jedem Abend sind Sie herzlich eingeladen, mit Kulturschaffenden und Gästen in den Austausch zu treten“, schreibt Festivalleiterin Daniela Mühlbäck in der Programmzeitung. „Täglich Kunst“ eben, wie der Gmünder Axel Nagel zu Beginn gesungen hat.
Wolfgang Nußbaumer
(20.05.2023)
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