Mit der Bearbeitung des Euripidesstoffes hat die Bühne aus dem Breisgau in der Stadthalle Aalen auch bei den Theatertagen ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Wieder Szenen einer Ehe wie in Lot Vekemans Stück „Gift“, mit dem das Reutlinger Theater „Die Tonne“ gepunktet hat – nur ohne Licht am Horizont.
Gift spielt auch in „Medea“ eine Rolle. Das hat die Ärztin Anna ihrem Mann Lucas ins Essen gemischt, als sie von seiner Affäre mit der Tochter des Laborleiters, ihres gemeinsamen Chefs, erfahren hat. Lucas überlebt, Anna landet in der Psychiatrie.
Jetzt kommt sie als Besucherin getarnt kurz nach Vorstellungsbeginn in die Stadthalle. Sie sucht mit dem Ticket in der Hand nach einem Platz, um schließlich mit ihrem Mann Lucas Kontakt aufzunehmen, der bereits auf der von Barbora Sulniute in klinischem Weiß eingerichteten Bühne steht. „Du siehst gut aus“, meint er. Sie: „Ich hab zugenommen“. Er: „Das steht dir“. Dann ist jedoch schon Schluss mit lustig. Er blockt alle ihre Versuche ab, ihm nahezukommen. „Du und ich, das gibt es nicht mehr“, wird er ihr erklären. Schlimmer noch. Er hat das Sorgerecht für ihre beiden Söhne Edgar und Georg. Mitnehmen will er sie zu einem Forschungsauftrag in China. Außerdem will er sich scheiden lassen, um seine Geliebte Clara heiraten zu können, die Tochter seines Chefs.
Das ist des Schlechten zu viel. Zwar schafft sie es nochmals, dass er mit ihr schläft. Doch das wird kein neuer Anfang; es ist der Abschied, der Schlusspunkt, wie Clara den Akt interpretiert. Die Jungs haben mit einer Videokamera ihre Eltern im Bett gefilmt und ihr das Ergebnis auf der Leinwand vorgeführt, die sich über dem Schlafzimmer spannt.

Nach dem finalen Desaster (v.l.): Christoph (Holger Kunkel), Edgar und Georg (Gian Mutschlechner und Mani Müller), Clara (Lou Friedmann) und Anna (Laura Palacios).
Im Labor im Hintergrund der Bühne, in das man durch eine Glaswand blicken kann, darf sie auch nicht mehr arbeiten. Dahin ihr beruflicher Lebensinhalt, auf den sie zugunsten von Lucas‘ Karriere verzichtet hatte. Sie steht mit leeren Händen da. Und mutiert zur Medea. Diesen ausweglosen Kampf um Liebe, Anerkennung und ihre Kinder gestaltet Laura Palacios mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Zärtlich, burschikos, vom Schmerz überwältigt, von Wut getrieben, vom Alkohol- und Schlaftablettenkonsum niedergestreckt – ein grandioses Erlebnis. Nüchtern schildert sie schließlich, wie das Messer in der Küche einfach so in ihre Hand und dann in Claras Herz geriet, dann in Christophs Hals.
Lukas T. Sperber stattet seinen Lucas mit einer gehörigen Portion innerer Zweifel und Unsicherheit aus; Gian Mutschlechner als Edgar und Mani Müller als Georg sind echte Jungs, die versuchen, das Geschehen zu überspielen, das sie ratlos macht. Lou Friedmann gibt distanziert souverän die junge Geliebte Clara, Holger Kunkel verkörpert eiskaltjovial den Chef Christoph und Charlotte Wild zeichnet die Sozialarbeiterin Mary-Louise als naiven Gutmenschen. So greift das Spiel wie ein gut geöltes Räderwerk ineinander. Betroffen und berührt dankt das Publikum mit langem Beifall.
Wolfgang Nußbaumer
(28.05.2023)
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