Konstantin Wecker – der Liederreiche

28. Juli 2023

   Viele Lieder hat der bayerische Barde in fünf Jahrzehnten angesammelt.Für seine Jubiläumstournee hat er sich einige seiner Lieblingstitel ausgesucht. Sie reichen für ein Konzert weit über zwei Stunden in kalter Nacht. 

   Vor sechs Jahren hat er zuletzt seine vielen Fans aufs Schloss gezogen wie ein Magnet. „A bisserl“ ist er hier „Wieder dahoam“. Einst hat er Texte gemacht, die seiner persönlichen Entwicklung weit voraus gewesen sind, sinniert der 76-jährige. Heute ist er mit ihnen auf Augenhöhe. Das gibt ihnen in seinen Interpretationen eine ganz andere menschlich einfühlsame Qualität. 

   „Und keiner wird geschont“, verspricht er in seinem ersten Lied. Nicht mal sich selbst. Das wird deutlich, wenn er aus seinem zu Beginn seiner Karriere „so unglaublich törichtem“ Leben erzählt. Von seiner lebensbedrohenden Kokainsucht, dem selbstgefälligen Schickimicki-Hype – und wie er doch noch die Kurve gekriegt und gelernt hat, der eigenen Wirklichkeit zu vertrauen. „Manchmal weine ich sehr“, hat er zu jener Zeit geschrieben, als er besser in eine Entzugsklinik gegangen wäre. Doch er wollte sich an den eigenen Haaren aus dem Drogensumpf ziehen. Wecker, die ehrliche Haut.

   Ist er ein Traumtänzer? Nein, auch wenn der bekennende Anarcho-Pazifist versichert: „Ich höre nicht auf zu träumen von einer herrschaftsfreien Welt.“ Damals wie heute. „Es kam immer alles aus meinem tiefsten Herzen“. Wie die vielen Lieder aus 50 Jahren, mit denen er an diesem Abend mit seinem Publikum schreiten will. Vertonte Poesie, zum Lied gewordene Reflexion. Zwischendurch gibt’s Poesie ohne Musik vom Dichter Wecker. Er hat nicht nur Lieder, sondern auch etliche Bücher geschrieben. Sein Programm wird er nach dem musikalischen Rausschmeißer „Gracias a la Vida“ (Ich danke dir Leben) mit einem Gedicht beschließen. Nicht mit einem Hit. Den liefert er mit dem packenden, dröhnenden „Hexeneinmaleins“, das unheimlich aktuell klingt.

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Hingebungsvolle Konzentration in den Bankreihen.

 

   Ansonsten herrscht zumindest auf der Bühne Friede im Land und Freude in den Bankreihen. Vor allem bei denen, die der Sänger in den Arm nimmt, als er singend durch die Bankreihen spaziert. Eierkuchen serviert er keinen. Stattdessen sein markantes „Nein“ zum Faschismus, seine Absage an das „Vaterland“, oder seine Abrechnung mit einer von so vielen Hoffnungen getragenen Idee: „Schäm dich Europa“. „Was mich wütend macht“ erfährt man ebenfalls auf seiner neuen Scheibe „Utopia“, die er John Lennon gewidmet hat. Wer an Konstantin Weckers positive Utopie denkt, dem fällt „Der alte Kaiser“ ein. Ein Bild des letzten Regenten Äthiopiens, Haile Selassie, wie er verloren, fast schon nicht mehr in dieser Welt, in seinem Garten steht, hat ihn zu diesem Lied 1977 inspiriert. Zu einem Abgesang auf alle Autokraten, alle Herrscher.

   „Es lebe die Zerbrechlichkeit“ trägt er noch vor, behutsam, „Immer wenn ich zerbrechlich war, konnte ich wachsen“. Altersweise ist er geworden. Da passt gut der „Liebesflug“ von 1983, in dem es heißt: „Von allen meinen großen Lieben ist mir nur eine treu geblieben: der Selbstbetrug“.

   Für dieses Konzert hat der Altmeister wieder eine vorzügliche Band zusammengestellt. Zu der Cellistin Fanny Kammerlander und dem Tastenmann Jo Barnikel gesellen sich mit Saxophonen, Querflöte und Bassklarinette der mit vielen musikalischen Wassern gewaschene Norbert Nagel und der Stuttgarter Schlagwerkprofessor Jürgen Spitschka. Warum aber will mir auf dem Heimweg das Lied „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ nicht aus dem Kopf? Womöglich eine Hit-Mangel-Erscheinung in seinem meditativ-kontemplativen Schloss-Songbook?

 

Wolfgang Nußbaumer

(27.07.2023)

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