„Die Wohlgesinnten“ am Basler Theater

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Ein Kammerspiel zum Fürchten.

Ein Italiener inszeniert an einem Schweizer Theater seine Dramatisierung des  monströsen Nazi-Romans eines Franzosen mit jüdisch-litauischem Hintergrund; Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“. Ein internationales Kammerspiel zum Fürchten.

die wohlgesinnten01 KopieGeht das überhaupt? 1359 Seiten voll von obszöner Gewalt, deren bürokratischer Betrachtungsweise, voll vom Pragmatismus des Bösen, von Menschenverachtung und Selbstverliebtheit, wo die Reflexion über Bach und Rameau, Kant und Marx im Angesicht von zum Himmel (welchem?) stinkenden Leichenbergen stattfindet; kann man dieses Wort gewordene Medusenhaupt dramatisch überhaupt fassen?


Man kann, wie Antonio Latella mit einem (als wichtige Voraussetzung) brillanten Darstellerquartett jetzt am Theater Basel als Schweizer Erstaufführung zeigt. Ganz biblisch könnte man sagen „und das Wort ist Fleisch geworden“. Mit solcher Intensität durchleben die vier Schauspieler Littells aus Sicht eines Täters mit kaum erträglichem expressivem Realismus gemaltes historisches Tableau. Die Schilderungen, das Hinterfragen des eigenen Handelns, dieser krude hermeneutische Zirkel von dessen Rechtfertigung, der im zynischen Motto mündet „Krieg ist Krieg und Schnaps ist Schnaps“ – diese pausenlose Suada, die Latella und sein Dramaturg Federico Bellini aus dem Textungeheuer destilliert haben, gehen tief unter die Haut. Vor allem, weil diese „Wohlgesinnten“ uns beängstigend nahe kommen.


Was uns der Maximilian Aue des Thiemo Strutzenberger als fiebriger Narziss, der letztlich der dunklen Seite der Macht mit Lust und in vollem Bewusstsein verfällt; was der gebürtige Ulmer Steffen Höld als dessen rücksichtslos zynisches alter ego und Freund Thomas Hauser; was Barbara Horvath als Aues großbürgerliche, systemimmanente, ihm im Tabubruch des blutschänderischen Inzests verbundene und ausgelieferte Schwester Una und schließlich der Countertenor Alexander Seidel als omnipräsenter Sänger  erzählen, ist die Geschichte vom Menschen, der des Menschen Wolf ist.


Was diese Geschichte jedoch so erschreckend macht, ist ihre grenzenlose Aktualität. „Die wirkliche Gefahr“, stellt Littell fest, „sind die gewöhnlichen Menschen“. Jede Ideologie, das zeigt ein Streitgespräch zwischen dem SS-Mann Aue und einen sowjetischen Kommissar, findet ihre willigen Helfer. Ob sie sich nun aus Pegida, Front National oder den Nationalisten in der Schweizer Volkspartei rekrutieren mögen.


Für die mit einem umgestürzten Klavier und zahlreichen multifunktional nutzbaren Hockern möblierte Bühne, die symbolträchtigen Kleider, in deren Übergröße die Protagonisten mit ihrer selbstgefälligen Skrupellosigkeit erst noch hineinwachsen müssen und für die so friedlich-romantische Video-Parkkulisse, vor der sich dieses bürgerliche Trauerspiel als Meuchelei der Humanität vollzieht, verdienen Ralf Hoedt und Moira Zoitl ebenfalls großes Lob.        jow

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