Im Wald, da sind die Träumer

Foto: Julian Röder Foto: Julian Röder

Oper und Schauspiel Stuttgart machen für Henry Purcells „The Fairy Queen“ gemeinsame Sache.

Und täglich grüßt das Murmeltier. In der von allem was Herz und Sinn erfreut überschäumenden Inszenierung Calixto Bleitos von Henry Purcells Semi-Opera „The Fairy Queen“ heißt das Murmeltier Eberhard. Der ewige Eberhard. Denn Titania holt ihn in jeder Aufführung aus dem Publikum auf die Bühne des Schauspiels Stuttgart. Wem diese Einleitung etwas wirr scheint, der liegt genau richtig. Erstens weil sich das Purcell-Stück an William Shakespeares Komödienprototyp der durch Liebe und Lust verursachten Irrungen und Wirrungen orientiert. Angereichert durch allerlei Feen- und Elfentralala in Gottes freier Natur. Zweitens, weil es in besagtem Sommernachtstraum ohnehin drunter und drüber geht, dass man mit hören und sehen kaum nachkommt. Beide miteinander durch den gierigen Fleischwolf einer von burlesken Ideen übersprudelnden Regie gedreht, wird dem staunenden Theatergast das ultimative Wursterlebnis zuteil: Schmeckt köstlich, obwohl man die einzelnen Bestandteile kaum noch auseinanderdividieren kann. Schließlich dreht sich fast pausenlos die Bühne – nach dem Umbaudesaster das absolute Lieblingsspielzeug von Regie und Ausstattern im Schauspielhaus. Da soll es einem in den ausverkauften Rängen nicht schwindelig werden?


Zwei Konstanten bieten etwas dramatischen Halt. Das von dem britischen Cembalisten Christian Curnyn geleitete fantastische Staatsorchester ist nicht im Graben versteckt, sondern thront satt auf der von Susanne Gschwendner zu verantwortenden offenen Halbspirale des Drehbühnenaufbaus. Dort tummelt sich ab und an auch der Adlatus von Elfenkönig Oberon – Puck. Er sorgt für jede Menge Schabernack und die Kommunikation mit dem Publikum.


„Für mich ist der Abend eine surreale Mischung aus einer modernen Liebesgeschichte, einem dadaistischen Fest und einem barocken Spektakel“, beschreibt Regisseur Bleito seine Absicht. Und genau so kommt es im 100. Geburtstagsjahr des Dadaismus. Eine Hochzeit gibt Anlass zum Fest. Sie wird offiziell im hell erleuchteten Foyer gefeiert, bevor sich feine Gesellschaft und Publikum ins Dunkel des Saales verdrücken; in den Wald der libidinösen Techtelmechtel, der gebrochenen Treueschwüre und schwüler Phantasien.


Kein Paar besteht hier die Bewährungsprobe im mit Zaubertropfen angeheizten Dampfkessel der Triebe. Nichts läuft wie geplant. Scharf auf seine Frau Titania, schnallt sich der nach allen Lustseiten offene zynische Pragmatiker Oberon in Gestalt von Michael Stiller ein Monstergemächte um, damit sie auf ihn abfährt, wie der Pawlowsche Hund auf den Knochen. Doch was macht Susanne Böwes bis dato so resolut wie kummervoll beschwipst über die Bühne staksende Titania. Sie verfällt nicht dem Kunstpenis sondern dem blassen Eberhard, dort, in den hinteren Rängen. Sie schleppt den armen Esel ab – und Oberon ersatzweise den zwittrigen „Indian Boy“ (der Tenor Alexander Sprague).

 
Eigentlich hat Purcells Adaption mit dem grausligen Libretto eines unbekannten Autors kaum noch etwas mit dem Original zu tun. Und dennoch fließen Shakespeare-Text und neben dem Orchester wieder mit spielerischer Extravaganz vom Staatsopernchor intonierte süffige Purcell-Musik ganz selbstverständlich zu einem untrennbaren Amalgam zusammen. Alle Protagonisten haben ihren Spaß daran; nehmen sich und das Theater selbst auf die Schippe. Die formidablen Sängerinnen (Lauryna Bendziunaité, Mirella Bunoaica und Josefin Feiler) dürfen sich hingebungsvoll im Schmutz wälzen und im Affenkostüm dem Affen Zucker geben.  Lustvoll begleitet von ihren singenden Partnern (der Tenor Mark Milhofer, der großartige Bassbariton Arnaud Richard als Hochzeitsgott Hymen und der schon erwähnte Alexander Sprague). Ebenso spielfreudig die weltlichen Paare Caroline Junghanns (Hermia), Manolo Bertling (Lysander), Hanna Plaß (Helena) und Johann Jürgens (Demetrius).


Nach der Aufführung hat Michael Stiller seiner Kollegin Sandra Gerling mit einem Blumenstrauß gedankt. Sie war eingesprungen – und wie. Zum Glück. Denn ohne Puck gäb’s keinen Traum.                 jow

Weitere Aufführungen im Schauspielhaus sind am 11., 13., 19. und 22. Februar jeweils 20 Uhr. Karten gibt es mit viel Glück noch an der Abendkasse.  www.staatstheater-stuttgart.de    

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Fotos: Julian Röder 

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