Bachs Breitwandepos Empfehlung

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Zwei Stunden lang hält Martin Lehmann Chorknaben und Barockorchester mit ganzem Körpereinsatz unter Strom. Zwei Stunden lang hält Martin Lehmann Chorknaben und Barockorchester mit ganzem Körpereinsatz unter Strom. Fotos: EKM/Hartmut Hientzsch

Bachs h-Moll-Messe ist ein gewaltiger Brocken, ein Breitwandepos.

Liturgie würde da nur stören. Seine Musik ist selbst Liturgie, Todesangst, Verzagen, Hoffnung – und strahlendes universelles Gotteslob. Unter der zupackenden Leitung von Martin Lehmann haben bei der EKM der Windsbacher Knabenchor, das erlesene Freiburger Barockorchester und ein vorzügliches Vokalsolistenquartett in zweistündiger Hochleistung im ausverkauften Heilig-Kreuz-Münster das Maximalwerk gemeistert.

    Bach erreicht in seiner erst spät endgültig fertiggestellten „Missa tota“ Wagnersche Dimension. Allein das nach allen Regeln der Kunst – und nicht nur der Fuge – durchdeklinierte „Kyrie“ mit seinen komplexen Chorsätzen und verschiedenen solistischen Kostbarkeiten hat schon Konzertformat.

   Martin Lehmann bringt mit geschmeidiger Bewegung Chor und Orchester auf Touren. Entsprechend geschmeidig gehen die ersten Takte des „Herr, erbarme dich“ ins Ohr. Ohnehin hat dieser Dirigent ein ausgeprägtes Gespür für die Delikatesse dieser Musik mit einer Vielzahl unterschiedlichster tonaler Aromen. Manchmal geht er sogar in die Knie, will den Musici ganz nahe sein, um noch das letzte Fünkchen Einsatz aus ihren heraus zu kitzeln.

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Hoch konzentriert bei der frommen Sache - die Chorknaben aus Windsbach.

  Als Ergebnis erlebt das Publikum ein ungemein farbenprächtiges Klanggemälde mit 15 Chorsätzen und neun Solostücken als kunstvoll hineinziselierte figurative Elemente. Im Dialog mit Streichern, Querflöten und Oboen, in Duetten und solo setzen die amerikanische Sopranistin Robin Johannsen, ihre deutsche Mezzo-Kollegin Sophie Harmsen mit einem nachgerade exquisit-kehligen Timbre (traumhaft traurig ihr „Agnus dei“), der mit einer mühelos klaren Diktion singende Tenor Julian Prégardien und der mit ebenso unangestrengter Würde interpretierende Bass-Bariton Andreas Wolf die Glanzlichter.

   Zwischen einem kaum noch wahrnehmbaren Klanghauch und majestätisch brausendem Forte (beispielhaft das Gloria, Sanctus und Finale des Agnus Dei) spielt Lehmann auf der gesamten Bandbreite der Dynamik ohne auch nur ein Jota an Klangkultur vermissen zu lassen. Ebenso brausender, lang anhaltender Beifall.

Wolfgang Nußbaumer           

Letzte Änderung amDonnerstag, 10 August 2017 16:52
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