Lisztig ohnegleichen Empfehlung

Lisztig ohnegleichen Fotos: -uss

Liszt glüht unter ihren Händen.

 Das „Kammermusikforum in Baden-Württemberg“ bringt den Sprechkünstler Lutz Görner und die brillante Pianistin Nadia Singer ins Fachsenfelder Schloss. Riesige Hände, trübe Wolken, keimender Wahnsinn, Sex, Drugs und lisztiger Rock’n’Roll – wirr schießt jüngste Erinnerung bei der Heimfahrt von Schloss Fachsenfeld durch den Nachhall der Klanggewitter im Kopf. Lutz Görner und Nadia Singer haben ganze Arbeit geleistet. 

   An die riesigen Hände hat sich eine Choristin erinnert, die einst in Weimar das Dirigat von Franz Liszt erlebt hat. Nur wer über solche Hände verfügt, kann spielen, was deren Besitzer komponiert hat. Nadia Singer, ein zauberhaftes blondes Energiebündel winkt ab. Die Hände der 24 Jahre jungen Pianistin sehen ganz normal aus. Gut, die Daumen mögen länger sein als jene des jüngst verstorbenen Klavier-Kaisers, der deshalb bei seinem Leisten geblieben war, dem virtuosen Schreiben über Musik, Theater und Literatur. Aber sonst?

   Alles harte Arbeit, meint Frau S. bar jeder Koketterie. Ohne Sitzfleisch bringt man die Finger nicht zum Tanzen. Für die Kids in der ersten Reihe beim Klavierabend des „Kammermusikforums“ in der Galerie des Schlosses eine harte Lehrstunde. Immer wieder schauen sie ihre kleinen Hände an. Von der charmanten XXL-Plaudertasche Lutz Görner mit Grandezza biografisch anmoderiert, nimmt seine junge Partnerin diesen souverän entspannten Atem auf und lässt ihn nahtlos in den Flügel fließen.

   Eigentlich wollte der spätere Musikgigant „ein ungarischer Zigeuner sein“, verrät Görner – und Frau Singer lässt postwendend rhapsodisch den Zigan tanzen. In Sekundenschnelle ist der Flügel auf Betriebstemperatur. Später wird Lutz Görner erzählen, wie Liszt in den sieben Jahren, in denen er durch Europa tourte, pro Konzert zwei Instrumente geschrottet hat, weil deren hölzernes Herz unter der pianistischen Wucht der Schlag getroffen hat. Erst als man den Flügel mit einer bis heute gebräuchlichen Metallplatte stabilisiert hatte, konnte der vitale Connaisseur Liszt – in seinen Fünfzigern ließ er sich dann vom Papst zu Rom zum Abbé weihen - so richtig in die Vollen gehen.

   Frau Singer dito. Die Holzgeräte hätten unter ihren Händen vermutlich Feuer gefangen. „Ich will der Paganini des Klaviers werden“, zitiert Görner wild entschlossen Liszt. Und Frau Singer lässt dessen Glöckchen – (nach Paganinis Bravourstück „La Campanella“) klingeln. Aber wie. Man hält Ausschau nach Notausgang und Feuerlöscher, weil der Glockenstuhl gleich in Flammen aufgehen wird.

   Überhaupt glüht der ganze Liszt unter ihren Händen...Lässt sie die kompositorisch weit in die Zukunft weisenden „Trüben Wolken“ aufziehen, perlen die Klangtropfen dennoch ganz warm. Zum Weinen schön die „Tröstung“ (Consolation Nr.3) – und vom Schluss des „Liebestraums“ kann man nur Träumen.

   Ohnehin spielt Nadia Singer permanent zu vier Händen. Wie soll man sonst diese orchestrale Wucht mit schwerelosen Arpeggien und Trillern garnieren können. Meist sitzt Frau S. mit einem Lächeln um die vollen Lippen am Flügel, wie das Kätzchen vor der Maus. Sie will ja nur spielen. Zum Beispiel die „Spanische Rhapsodie“. Schon bricht dem Flügel der Angstschweiß aus. Ihr Furor teilt sich ihm und dem um Fassung ringenden Publikum unmittelbar mit. An dieser Frau spielt alles.

   Überlassen wir dem Dramatiker Friedrich Hebbel die finale Würdigung (nachdem er Liszt erlebt hatte): „Traumhaft, fantastisch“.  

Wolfgang Nußbaumer                 

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