Der verwässerte Appell Empfehlung

Recha (Mirjam Birkl) bedrängt ihren Vater Nathan (Bernd Tauber). Recha (Mirjam Birkl) bedrängt ihren Vater Nathan (Bernd Tauber). Fotos: Peter Schlipf

Lessings Ideendrama "Nathan der Weise" erlebt eine den Zeitläuften geschuldete Renaissance. Auch am Theater der Stadt Aalen.

Nach der szenischen Lesung „Nathan next door“ als Teil des Projekts „Boulevard Ulmer Straße“ hat die städtische Profibühne in ihrer programmatisch auf die Zukunft ausgerichteten Jubiläumsspielzeit mit der Aufführung des kompletten Stückes nach den Sternen gegriffen. Und sich dabei die Finger verbrannt.

    Lessings aufklärerischer Appell für ein auf dem Prinzip der pragmatischen Vernunft basierende Toleranz, sein „Nathan der Weise“ ist zwar aktueller denn je, aber so schwierig zu fassen wie ehedem. Wenig Handlung, viel Text; argumentierender Text natürlich – und das noch als Blankvers. Mit dem hat man heutzutage schon beim Lesen seine Probleme.

    Die Regisseurin Tina Brüggemann benutzt gerne Symbole zur Verdeutlichung. Jenes im „Nathan“ lädt sie dem Tempelherrn auf die jungen Schultern. Wie einst Zeus dem Titanen Atlas das Himmelsgewölbe zur Strafe. Hätte jener losgelassen, wäre der Himmel auf die Mutter Erde geplumpst. Marcus Krone muss sich also in Gestalt des ungestümen Ritters an einem Felsbrocken abarbeiten; schiebt ihn stöhnend vor sich her, wuchtet ihn hoch und erstarrt auch schon mal darauf  wie der mythische Atlas. Seine Kolleginnen und Kollegen nützen den überdimensionalen Wackerstein gerne als willkommene Sitzgelegenheit, wenn es mal herrenlos herumliegt. Ignorieren sie damit die Last, die der junge Tempelherr stellvertretend für alle mit herumschleppt – oder satteln sie sich ihm noch zusätzlich auf – symbolisch, quasi?

    Als Symbol für die Inszenierung selbst war der Sisyphosakt sicher nicht gemeint. Wobei jener König einst als ausgesprochen weise galt, bevor er sagenmäßig zum unendlichen Steineschieben verdonnert worden ist.

     Klopft man die Symbolfracht des Aalener „Nathans“ auf ihre Wirkmöglichkeit ab, erkennt man, dass Tina Brüggemann sich, ihrem Bühnenpersonal und dem Publikum extrem viel aufbürdet. Zu viel.

     Die Geschichte rund um die „Ringparabel“ ist bekannt. Lessing legt dar, dass die drei monotheistischen Religionen gleich wahr – und gleich falsch sind. Entscheidend ist das humane Handeln, der Wille zur Toleranz und der Respekt vor dem andern.

   Für die Hinführung zu diesen Prinzipien genügen der Regisseurin und ihrer Ausstatterin Annette Wolf als Kulisse drei verschiebbare Stellwände. Deren Design weist sie als Symbole für die drei Religionen aus. Vor, zwischen und hinter ihnen darf sich der trotzköpfige Tempelherr mit sanfter Nachhilfe durch Nathan unsterblich in dessen (angebliche) Tochter Recha verlieben, die er zuvor aus dem brennenden väterlichen Haus gerettet hat; wendet sich der klamme Sultan Saladin auf Anraten seiner klugen, selbstbewussten Schwester Sittah an den reichen Juden, um ihn anzupumpen – und wird von jenem durch besagte Ringparabel beschämt.

     Dann wäre da noch der Derwisch Al Hafi, Kumpel von Nathan und zwischenzeitlich Schatzmeister des Sultans. Er hält nichts von den Geldgeschäften, weil sie für den Juden übel ausgehen könnten – und macht sich als Bettelmönch vom Acker. Er wie Rechas christliche Gesellschafterin Daja sind letztlich Randfiguren. Wie der korrupte Patriarch von Jerusalem, der den Juden brennen sehen will – und ein Klosterbruder, der eben das nicht will.

     Genügend Stoff für eine Fülle von unglaublichen Irrungen und Wirrungen, durch deren Labyrinth allein die Sprache geleitet. Deshalb könnte die Reduktion der Bühnenelemente letztlich im Dienste des Wortes stehen, von dem möglichst wenig ablenken soll. Nur verschieben die Akteure die Stellwände im Akkord in die Tiefe und die Breite des Raumes wie die Schachfiguren, mit denen die beiden Muslime so gerne spielen. Nathan übrigens ebenfalls. Zu beiden Seiten der großen Spielfläche warten die gerade beschäftigungslosen Akteure auf ihren Einsatz. Oder tun nur so; denn tatsächlich sind sie immer involviert. Die Fiktion wird nicht durch die Realität geerdet. Brüggemann kommt ohne Brechteffekt aus. Damit verwässert sie jedoch die gerade bei diesem Thema enorm wichtige Konzentration auf das Wesentliche.

      Je mehr das Stück seinem Ende zutreibt, umso mehr wird gerannt und geschoben. Da fällt es dem Wort schwer, Schritt zu halten. Inhaltlich am verständlichsten kommen sie noch dem wie immer zuverlässigen Arvid Klaws in der Doppelrolle als Derwisch und Klosterbruder über die Lippen; Bernd Tauber, der den Nathan mit jener pragmatischen und vom Empathie getragenen Vernunft und Hellsicht spielt, die Lessing einfordert, und Mirjam Birkls zwischen cooler Socke und Häufchen Elend unvermittelt changierender Recha. Philipp Dürschmied bleibt als Sultan statisch, während  Alice Katharina Schmidts Körpersprache deutlich signalisiert, dass ihr die Rolle von dessen selbstbewusster, klug berechnender Schwester Sittah weitaus mehr liegt, als Rechas christliche Gesellschafterin Daja, die sie mit altjüngferlicher Patina schminkt.

    Selbst für eine Premiere zu viele Versprecher und falsche Einsätze bringen leider von Beginn an Sand ins Getriebe. Die Konzentration auf den sperrigen Text tangiert das Spiel.

     Begonnen hatte die Aufführung mit einer Bühnenvisitation der Besucherinnen und Besucher. Sie können bestätigen, dass hier ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet wird. Aber warum die symbolische Prozession? Weil wir alle in einem Boot sitzen? Oder weil wir den Strom der Flüchtlinge nachempfinden sollen?

    Der junge Tempelherr jedenfalls traut dem Frieden nicht, wie das Ende andeutet. Die Vorstellung, künftig als Muselmann und nicht als Christ leben zu müssen, erschreckt ihn sichtlich. Der Schlussbeifall für Inszenierung und schauspielerische Leistung fiel verhalten herzlich aus.

 

Wolfgang Nußbaumer

 

Info: Nächste Aufführungen Sa., 4./18. März, 20 Uhr, WiZ. Karten und Reservierungen Tel. 07361/522600 und kasse@theateraalen.de

 

 

           

 

 

 

            

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