Mit Mozart im Gepäck Empfehlung

Foto: jow Foto: jow

Der Souverän am Flügel: Ketil Bjørnstad beim 10. JazzArtFestival in Schwäbisch Hall.


bjornstadt01 KopieOhne den norwegischen Pianisten, Komponisten und Schriftsteller Ketil Bjørnstad gäbe es vermutlich das Haller Jazzfestival gar nicht. Er hat einst die Jazzer der Salzsiederstadt dazu ermuntert. Donnerstagabend war er voll des Lobes für sie, als er in der Hospitalkirche wieder in die Tasten griff. Diesmal mit Mozart im Marschgepäck.

Der erfolgreiche Romancier spürt als Schriftsteller gerne den Spuren verstorbener Kollegen nach. Mozart hatte der klassische Konzertpianist schon lange auf seiner Liste. Aber wie dieses Phänomen fassen, erzählt er dem Publikum. Nun, er suchte seinen persönlichen Weg – als Autor – und als Musiker. Nach dem Motto, der Weg ist das Ziel. Und stürzt sich zum Wolferl in den aufgesperrten Flügel.


Kann so etwas gut gehen? Es kann. Obwohl das Genie der Klassik anders als jenes des Barock, Johann Sebastian Bach, weniger jazzaffin zu sein scheint. Macht nichts. Unter den Händen des silberhaarigen Norwegers beginnt selbst Mozart zu swingen.  Dann macht er sich ans Werk, schlägt eine ostinate Figur mit der linken Hand, lässt darüber eine geschmeidige Melodie perlen, wechselt das Ostinato in die Rechte, lässt die Linke perlen; greift mit vollen Händen hinein ins akkordische Leben, schafft neue gigantische Klangräume, die er mit ausgeklügelter Dynamik und unter Ausschöpfung aller fingertechnischen Möglichkeiten durchmisst.


bjornstadt02 KopieDer Könner aus der Kälte mixt aus einem Klangbaukasten seine eigene Musik zwischen nordischem Blues und dem Säbeltanz, zwischen introvertierter Melancholie und wilder Raserei. In fugenartige Entwürfe gießt er einen Spritzer Swing, schüttelt es gut durch mit nordischer Folklore und deftig polterndem Jazzrock, lässt sich mit Windstärke zehn hinaustreiben in den atonalen Ozean, um den Aufruhr der Elemente in eine zauberhafte Melodie münden zu lassen, wie man sie nur am Bug der Titanic, kurz vor dem Finale träumen kann.

Ja, alles mischt er virtuos zusammen, auch ein bisschen Tastenleerlauf, wenn er im Kopf hinter den geschlossenen Lidern mal nicht schnell genug die Partitur der scheinbar unerschöpflichen musikalischen Phantasie umblättert. Nach dem Mozart geht er in seine eigenen Anfänge zurück. 21 war er damals - und sowas von aufgeregt. Heute ist er nicht mehr nervös. Fingerflink lässt er die Trolle tanzen. Sein letztes Stück „Visitors“ widmet er gewohnt komplex dem unlängst verstorbenen Musikerkollegen Boulez.

Ohne Zugaben lässt das begeisterte Publikum den großen Norweger, der Ende April 64 wird, natürlich nicht von der Bühne. „The Sea Nr. 9“ und ein letzter Tastentsunami beweisen: Ketil Bjørnstad hat seine Klangkathedralen nah am Wasser gebaut. jow

Nach oben