Vielschichtiges Sittengemälde

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Vielschichtiges Sittengemälde
Alles nur kein Reiseführer ist der Roman „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke. Die Autorin ist für den Roman mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.
   Teneriffa ist sein Thema. Der Schauplatz hält wie eine Klammer das Geschehen des Insel-Epos zusammen. Multiperspektivisch erzählt die Autorin aus Sicht ihrer Protagonisten. Einzelne Erzählstränge finden zusammen. In stilsicherer Prosa arbeitet sie sich von der Gegenwart des Jahres 2015 mit der Rückkehr der Kunststudentin Rosa durch die Familiengeschichten einiger renommierter Sippschaften durch. Die großbürgerlichen Verhältnisse bilden einen handgreiflichen Kontrast zum Leben ihrer Bediensteten, die nur mit Vornamen auftreten oder sogar nur mit einem Spitznamen, wie  z.B. die Frau, von der als „die Katze“ gesprochen wird. Die Hausangestellten leben auch 2015 zwar abgesicherter als in einer Generation vorher, aber dennoch in Abhängigkeit von der Herrschaft, in deren Dienst sie stehen.
 
   Mahlke hat in ihrer Kindheit die sechswöchigen Ferien regelmäßig auf der Insel verbracht. Sie liebt Teneriffa, deren Flora und geologischen Formationen. Schicht um Schicht legt sie die Zeitzonen frei. Wie eine Archäologin gräbt sie in immer tiefere Schichten bis zum Jahr 1919. Zu tage fördert sie den spanischen Bürgerkrieg, den Westsahara-Krieg der Kolonialmacht Spanien, die Zeit der Franco-Diktatur und der Faschisten.  Im Schnelldurchgang scheinen die prägenden Epochen des 20. Jahrhunderts auf. Die Großereignisse spiegeln sich in konkreten Erfahrungen der Personen. Vieles bleibt in Andeutungen stehen, anderes erhellt sich im Fortgang der Lektüre. Die Protagonistenfamilien  sind Migranten aus ganz Europa, die zu unterschiedlichen Zeiten ihre Heimat und ihren Lebensmittelpunkt auf der Insel gefunden haben. 
 
   Die Beziehungskonstellationen in den Familien schildert Mahlke in präzisen sachlichen Szenen. Schließlich hat sie ihre Beobachtung in ihrer juristischen Laufbahn geschult. Je tiefer sie gräbt und je weiter zurück ihre Personen datieren, desto spärlicher und unausgeschmückter wird ihre Erzählung. Ist die aktuelle Gegenwart ihrer erzählten Zeit noch sehr detailverliebt und strahlend wie ein Farbfoto, so wird die frühere Zeit im Zeitraffer eher schwarz-weiß abgebildet. Die Verwicklung der Politikerin Ana, Rosas Mutter in umweltpolitische EU-Projekte und spekulative Tief- und Hochbauprojekte liest sich wie ein Krimi, dessen Ende jedoch offenbleibt. 
 
   Für den Leser bleiben die antichronologischen Sprünge gleichwohl eine Herausforderung, auch wenn sich die Geschichten einzelner Familien überschneiden und Verbindungen aufweisen. Plastisch erscheint die Besserungsanstalt für Mädchen. Zunächst streicht nur wie zufällig ein Scheinwerferlicht über das Gebäude. Später wird der Leser Einblick in das Innere erhalten und den leidvollen Alltag der jungen Bewohnerinnen kennenlernen. Einvernehmlich arbeiten Kirche und Staat zulasten des Prekariats zusammen. Die neugeborenen Babys werden den jungen Mädchen sofort nach der Geburt entzogen und für Totgeburten erklärt.
 
   Das Sittengemälde gelingt der Autorin besonders gut. Die verklemmte Moral des frühen 20. Jahrhunderts zieht ihre Spuren durch die sozialen Schichten. Homosexualität, Sex, Untreue, Lieblosigkeit, Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern werden mit wenigen Strichen akkurat skizziert. Verrat, Willkür, Gefangennahme, Exekutionen und gnadenlose Übergriffe in die Privatsphäre  durch die Ordnungsmacht kennzeichnen die Zeit des Faschismus, die exemplarisch am Beispiel des Apothekersohnes Julio und seiner Familie gezeigt wird. Viele der jungen Leute liebäugeln ein bisschen zu offensichtlich mit dem Kommunismus. Doch trotz der Verbrennung der verräterischen Bücher durch die besorgte Mutter Bernarda, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Übersehen worden war eine Zigarrenkiste mit gelöteten Drähten und Röhren. Julio gelang es allerdings nur, diesen zu Pfeiftönen zu verleiten. Julio überlebt als Kurier im Bürgerkrieg und kehrt auf die Insel zurück. Er ist Rosas Großvater mütterlicherseits. Aus dem Bürgersohn wird ein obdachloser Gelegenheitsarbeiter, der sich mühsam durch seine handwerklichen Fähigkeiten über Wasser hält. Als alter Mann, der niemandem zur Last fallen will, nimmt er die Portiersstelle in einem Altersheim an. Distanziert ist das vermeidende Nebeneinander von Vater Julio und Tochter Ana, das sich auch im Verhalten der Enkelin Rosa fortsetzt. Spielt der Titel des Romans vielleicht versteckt auf Solschenizyns Archipel Gulag an, die abgeschlossene Inselwelt der Entmenschlichung, Unterdrückung und des Lagers in der Zeit Francos und davor?
 
400 Seiten haben Leserin und Leser zu schlucken in ständiger Orientierungssuche „who is who“, was es ihnen nicht ganz leicht macht, trotz einer Auflistung der handelnden Personen. Ein Glossar gibt Aufschluss über kanarische Namen und spanische Redewendungen.
 
Info: Inger-Maria Mahlke, Archipel. Reinbek 2018
 
Helga Widmaier
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