Himmelsgarten als Klangparadies

25. Aug. 2020

   Altmeister Klaus Doldinger und seine deutlich jüngeren Bandkollegen haben den schönen Ort jedenfalls am Sonntagabend für ihr Publikum in einen Garten Eden verwandelt.

   Die tief stehende Sonne leuchtet zu Konzertbeginn den 84 Jahre alten Saxophonisten und sein golden schimmerndes Instrument aus. Eine frische Brise belüftet die Stuhlreihen unter dem imposanten Zeltdach. So frisch wie die Musik, die Doldinger und seine sechs Mitstreiter über zwei Stunden lang machen werden. Zauberhaft, doch kein Zauberwerk.

   Obgleich „Passport“ mit einer Zauberformel in seinen Auftritt einsteigt. „Abrakadabra“. Sie legt gleich offen, nach welcher Formel die meisten Kompositionen aufgebaut sind. Michael Hornek intoniert auf seinem Keyboard behutsam ein Solo, das rasch Fahrt aufnimmt und in einen koketten Dialog mit den drei Schlagwerkern Christian Lettner am Schlagzeug und Ernst Stroer sowie Biboul Darouiche an den Percussionsets mündet. Letzterer lässt seine Hände so schnell über die Congas wirbeln wie Horneks Finger in die Tasten greifen. Vom Bandchef auf seinem Tenorhorn markant akzentuiert, münden die quirligen Elemente unter tatkräftiger Mithilfe der beiden Gitarristen Martin und Patrick Scales alle in einen harmonischen Strom – dem polyrhythmische Katarakte abrupt die Ruhe rauben.

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   Für sein Lebenswerk hat der in Bayern lebende gebürtige Berliner vor drei Jahren den „Echo Jazz“ erhalten. Eine von vielen Auszeichnungen, mit denen er im Laufe seines langen Musikerlebens geehrt worden ist. „Lebenswerk“ klingt so endgültig. Dabei verlangt dieser „Passport“ förmlich danach, noch auf etliche Jahre verlängert zu werden. Zwar ruht sich Doldinger bei Soli seiner Kollegen mal auf einem Stuhl aus und benützt sein Saxophon als Spazierstock; doch wenn er dessen Mundstück ansetzt, darf man wieder mit allem rechnen, was er seit urdenklichen Zeiten aus der Kanne zwischen diskantem Aufschrei und tiefer pointierter Husterei herausholt.

   „Keinen Blues“ spielt er an diesem Abend, über dessen „bewölkte, besonnte, bewindete“ Eigenart er sich immer wieder launig wundert. Dafür „ein Stück der frühen Tage“ auf dem Sopransax, gewürzt mit Loops und psychedelischem Waberklang. Bis der Albatros auf seinen weiten Schwingen in der „Dark Flame“ sanft entschwindet.  Mit dem „Circus Pony“ begibt sich die Band auf den Gute-Laune-Trip. „Happy Landing“ ist garantiert. Mit dem sphärisch schwebenden „Ataraxia“ schmeichelt die Band nochmals dem Gemüt. Doch dann geht’s vom träumerischen Höhenflug hinab in die dunkle Tiefe, wo das Sonar des Jägers an die Wand des U-Boots klopft. Neben vielen anderen hat Klaus Doldinger auch die Musik für die Verfilmung von Lothar Buchheims Kriegsroman „Das Boot“ komponiert. Mächtig bläst er das Thema unter den mit Lichtkaskaden befeuerten Zelthimmel. 

    In der heftig erklatschten Zugabe wird der Himmelsgarten – es ist Sonntagabend! – zum „Tatort“ für das Percussiontrio. Was für ein furioser, hochpräziser Schlagwerkzauber. Nochmals kommt der unverwüstliche Oldie mit seiner Band auf die Bühne. Und das Publikum erfährt, wie sie „Fifty years later“ klingt. Kein bisschen leise. 

 

Wolfgang Nußbaumer

 

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